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	<title>Bibliotheken als Bildungseinrichtungen</title>
	<link>http://bildungundgutesleben.blogsome.com</link>
	<description>Blog zu einem Promotionsprojekt im Bereich der Bibliotheks- und Informationswissenschaft</description>
	<pubDate>Thu, 19 Nov 2009 15:10:25 +0000</pubDate>
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	<language>en</language>

		<item>
		<title>Fertig!</title>
		<link>http://bildungundgutesleben.blogsome.com/2009/11/19/fertig/</link>
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		<pubDate>Thu, 19 Nov 2009 15:09:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Karsten Schuldt</dc:creator>
		
	<category>Grundsätzliches</category>
	<category>Fortschritt</category>
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		<description><![CDATA[	Da, noch einmal die &#214;ffentliche Ank&#252;ndigung f&#252;r die gestrige Disputation meiner Promotion. (Und mit nur zwei kleinen Tippfehlern im Titel. Super.)

	

	Ansonsten wurde das Promotionsverfahren gestern erfolgreich abgeschlossen. Wenn jetzt die letzten technischen Fragen mit der Ver&#246;ffentlichung der Arbeit gekl&#228;rt sind, darf ich mich auch ofiziell Doktor nennen.
So, ich lege jetzt erstmal die Beine hoch und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>Da, noch einmal die &#214;ffentliche Ank&#252;ndigung f&#252;r die gestrige Disputation meiner Promotion. (Und mit nur zwei kleinen Tippfehlern im Titel. Super.)</p>

	<p><img src='/images/DSC00216.JPG' alt='Ank&Atilde;&#038;frac14;ndigung der Disputation' width='500px'/></p>

	<p>Ansonsten wurde das Promotionsverfahren gestern erfolgreich abgeschlossen. Wenn jetzt die letzten technischen Fragen mit der Ver&#246;ffentlichung der Arbeit gekl&#228;rt sind, darf ich mich auch ofiziell Doktor nennen.<br />
So, ich lege jetzt erstmal die Beine hoch und besch&#228;ftige mich mit was anderem, zumindest f&#252;r ein paar Tage. Danke nochmal an alle, die direkt und indirekt dazu beigetragen haben, dass die Arbeit fertig wurde.</p>
 ]]></content:encoded>
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	</item>
		<item>
		<title>Private Schulen: Muss man die als Bibliothek wahrnehmen? Kann man dort besser Schulbibliotheken betreiben?</title>
		<link>http://bildungundgutesleben.blogsome.com/2009/11/06/private-schulen-muss-man-die-als-bibliothek-wahrnehmen-kann-man-dort-besser-schulbibliotheken-betreiben/</link>
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		<pubDate>Thu, 05 Nov 2009 22:47:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Karsten Schuldt</dc:creator>
		
	<category>Grundsätzliches</category>
	<category>Schule und Bibliothek / Schulbibliothek</category>
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		<description><![CDATA[	Dass das deutsche Schulsystem sich &#228;ndern m&#252;sse ist ein Allgemeinsatz, der sich historisch wohl schon seit der Etablierung dieses Schulsystems finden und immer wieder gut begr&#252;nden l&#228;sst. Ge&#228;ndert werden vor allem die Vorschl&#228;ge, was wie reformiert werden soll. Unter anderem finden sich zur Zeit &#8211; auch durch den Wahlerfolg der FDP bei der letzten Bundestagswahl, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>Dass das deutsche Schulsystem sich &#228;ndern m&#252;sse ist ein Allgemeinsatz, der sich historisch wohl schon seit der Etablierung dieses Schulsystems finden und immer wieder gut begr&#252;nden l&#228;sst. Ge&#228;ndert werden vor allem die Vorschl&#228;ge, was wie reformiert werden soll. Unter anderem finden sich zur Zeit &#8211; auch durch den Wahlerfolg der <span class="caps">FDP</span> bei der letzten Bundestagswahl, die ja offiziell das Konzept der Bildungsgutscheine vertritt &#8211; einige Vertreterinnen und Vertreter einer Position, von welcher aus argumentiert wird, dass die Gr&#252;ndung und F&#246;rderung privater Schulen eine Reform des deutschen Schulwesens vorantreiben w&#252;rde. Die Idee ist, dass private Schulen, bei freier Schulwahl der Lernenden, zu einer Konkurrenz und Entstehung eines Bildungsmarktes f&#252;hren und diese Konkurrenz zur &#220;berarbeitung p&#228;dagogischer Konzepte und zu einer Didaktik, welche an den Interessen der Lernenden ansetzte, f&#252;hren w&#252;rde. Das, was in der Wirtschaft &#8211; vielleicht auch nur vorgeblich &#8211; funktioniert, soll auch im Schul- und gesamten Bildungsbereich funktionieren. Dagegen gibt es selbstverst&#228;ndlich Stimmen, welche die F&#246;rderung privater Schulen als Gefahr f&#252;r ein egalit&#228;res Bildungssystem ansehen und vor einer Vertiefung der eh schon vorhandenen Spaltung in Bildungsreiche und Bildungsarme warnen.<br />
Dessen ungeachtet argumentieren auch Bibliotheken und bibliothekarische Engagierte &#8211; beispielsweise im Bereich der Schulbibliotheken &#8211; immer wieder einmal, dass die Gr&#252;ndung privater Schulen neue Formen der Zusammenarbeit von Schulen und Bibliotheken beziehungsweise bessere Chancen f&#252;r die Etablierung von Schulbibliotheken bedeuten w&#252;rde.<br />
Allerdings gibt es nur wenige Forschungen zum Privatschulwesen in Deutschland. Die erziehungswissenschaftliche Forschung, aber auch die Bildungspolitik, besch&#228;ftigt sich vielmehr, wenn sie sich mit dem Schulwesen in Deutschland befasst, fast ausschlie&#223;lich mit den staatlichen Schulen. Dies wird im aktuellen Heft der Zeitschrift f&#252;r P&#228;dagogik [55 (2009) 5], welches sich in seinem Thementeil mit Privatschulen besch&#228;ftigt, mehrfach betont. Thomas Koinzer und Achim Leschinsky versuchen in ihrem Beitrag zu diesem Schwerpunkt, zumindest das Feld &#8222;private Schulen in Deutschland&#8220; zu umrei&#223;en. [<em>Koinzer, Thomas ; Leschinsky, Achim / Privatschulen in Deutschland. &#8211; In: Zeitschrift f&#252;r P&#228;dagogik, 55 (2009) 5, S. 669-685</em>] In einem zweiten Beitrag am Ende dieses Schwerpunktes entwerfen diese beiden Autoren zusammen mit Kai S. Cortina, aufgrund der Erfahrungen aus anderen Staaten, ein Szenario f&#252;r die Entwicklung des privaten Schulwesens in Deutschland. [<em>Cortina, Kai S. / Koinzer, Thomas / Leschinsky, Achim / Nachwort: Eine international informierte Prognose zur Entwicklung privater Schulen in Deutschland. &#8211; In: Zeitschrift f&#252;r P&#228;dagogik, 55 (2009) 5, S. 747-754</em>]</p>

	<p><strong>Wenig Innovation, viel Habitus</strong><br />
Die Ergebnisse sind interessant, weil sie den grunds&#228;tzlichen Annahmen &#252;ber private Schulen in vielen Punkten widersprechen.<br />
<ol></p>
	<p><li>Private Schulen sind kein reiner &#8222;Randbereich&#8220; des Bildungswesens, sondern schon deutlich in der Schullandschaft vertreten. 3,3 % der Grundschulen, 7,9% der Schulen im Sekundarbereich I und 8,6% der Schulen im Sekundarbereich II sind in Deutschland private Einrichtungen, wobei hierzu auch die von religi&#246;sen Institutionen &#8211; also in Deutschland fast ausschlie&#223;lich der katholischen Kirche und der evangelischen/reformierten Landeskirchen &#8211; gef&#252;hrten Schulen z&#228;hlen.</li><br />
<li>Wenig &#252;berraschend ist, dass sich in Westdeutschland eine Anzahl von etablierten privaten Schulen finden. Entgegen der Erwartungen werden aber gerade in Ostdeutschland Schulen des Sekundarbereichs II auff&#228;llig oft als private Schulen gef&#252;hrt: 11,4 % in Sachsen-Anhalt, 11,7% in Th&#252;ringen und 19,5% in Sachsen.</li><br />
<li>Diese Zahlen sind zu revidieren, wenn man sich die Schulen genauer anschaut. Von den 912.300 Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;lern, die 2007/08 eine private Schule besuchten, waren &#252;ber 550.000 davon in einer konfessionell gebundenen Einrichtung angemeldet. Erst danach folgen Schulen des Bundesverbandes Deutscher Privatschulen (270.000 Lernende), des Bundes Freier Waldorfschulen (77.000 Lernende), der Bundesverband Freier Alternativschulen (4.500) und die Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime (6.000 Lernende). Man kann also nicht davon sprechen, dass es sich haupts&#228;chlich um Schulen handeln w&#252;rde, die aus privat-wirtschaftlichen Interessen heraus gegr&#252;ndet w&#252;rden.</li><br />
<li>Interessant ist auch, dass eine relativ gro&#223;e Anzahl von privaten Schulen nicht gegr&#252;ndet wird, um ein alternatives Schulkonzept durchzusetzen. Vielmehr sind viele diese Neugr&#252;ndung eine Reaktion auf den Abbau staatlicher Schulangebote. Gerade in Regionen, in denen Schulen geschlossen und / oder zusammengelegt werden, finden sich oft Eltern zusammen, die daran interessiert sind, Schulangebote lokal, wenn auch f&#252;r weniger Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler, aufrecht zu erhalten. Dazu werden oft Geb&#228;ude ehemals staatlicher Schulen &#252;bernommen und Institutionen etabliert, die dann entweder als Eltern-Initiativ-Schule oder aber unter dem Dach der beiden gro&#223;en Konfessionen gef&#252;hrt werden. Diese Schulen stellen dann meist keine alternativen Schulkonzepte auf und versuchen auch nicht, privatwirtschaftlichen Erfolg zu haben, sondern sind vielmehr dazu da, Angebote weiter zu f&#252;hren, die der Staat nicht als notwendig ansieht. Die meisten dieser Einrichtungen sind dann allerdings folgerichtig sehr klein.</li><br />
<li>Auch die relativ kleine Anzahl von Schulen, die sich einem alternativen Schulkonzept zuwenden, sind dabei nicht unbedingt sehr experimentierfreudig. Vielmehr &#252;berwiegen die bekannten drei Schulkonzepte Walddorfschule, Montessori-Schulen und Freie Schulen. Nur die &#8222;Freien Schulen&#8220; versuchen zum Teil eine demokratischeres Schulkonzept umzusetzen. Ansonsten herrschen gerade bei den explizit als privatwirtschaftliches Einrichtungen konzipierten privaten Schulen eher konservative Schulkonzepte und Lernvorstellungen vor. Die Vorstellung, dass durch private Schulen Innovationen im Schulbereich gef&#246;rdert werden, l&#228;sst sich nicht best&#228;tigen. Vielmehr scheinen private Schulen gerade damit Erfolg zu haben, einen eher konservativen Habitus zu vermitteln und einer eher strikten Lernorientierung zu folgen. [Dies mag zum Teil auch damit zusammenh&#228;ngen, dass offenbar ein Gro&#223;teil der Kinder und Jugendlichen auf privaten Schulen &#8211; auch Alternativschulen &#8211; diese nicht deswegen besuchen, weil diese alternativ oder innovativ w&#228;ren, sondern weil sie den Eindruck vermittelten, dass sie besser Wissen vermitteln w&#252;rden, als staatliche Schulen. Allerdings ist bislang &#252;berhaupt nicht klar, ob sie das wirklich tun. Vergleiche aber auch <em>Lammers, Christoph ; Welker, Frank [Hrsg.] / Mission Klassenzimmer : Zum Einflu&#223; von Religion und Esoterik auf Bildung und Erziehung. &#8211; Aschaffenburg : Alibri, 2005</em>, wo mehrfach von ehemaligen Lehr- und Leitungskr&#228;ften &#8222;alternativer Schulen&#8220; die Auffassung vertreten wird, dass die Eltern ihre Kinder nicht wegen des alternativen Konzeptes, sondern wegen des Rufes, eine elit&#228;re Ausbildung zu vermitteln, auf diese Schulen schickten, mithin sich also mehr darum k&#252;mmerten, dass ihre Kinder eine vorgeblich bessere Bildung erhielten, egal was das Konzept der jeweiligen Schule wirklich aussagte. Gleichzeitig wird in diesem Buch auch die Meinung vertreten, dass entgegen dieser Vorstellung die p&#228;dagogische Qualit&#228;t alternativer Schulen gerade schlechter ist und sie zumeist von den Lehrkr&#228;ften als Durchgangsstation in den staatlichen Schuldienst verstanden werden.]</li><br />
<li>Ein Problem ist selbstverst&#228;ndlich, dass private Schulen in Deutschland &#8211; obwohl sie gr&#246;&#223;tenteils massiv staatlich gef&#246;rdert werden, da sie gesetzlich als Ersatzschulen gelten und nicht etwa als Konkurrenz zum staatlichen Schulwesen &#8211; auf Schulgeb&#252;hren angewiesen sind. Obgleich eigentlich alle privaten Schulen davon berichten, diese Geb&#252;hren auch daf&#252;r zu nutzen, Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;lern aus einem schwachen &#246;konomischem Umfeld den kostenlosen Schulbesuch zu erm&#246;glichen, liegt in diesem Faktum selbstverst&#228;ndlich die Gefahr einer weiteren Abgrenzung von Lernenden aus reichen Familien vom Rest der Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler.</li><br />
<li>Allerdings gibt es, wie Koinzer und Leschinsky mehrfach betonen, bislang nur wenig Forschungen oder gar empirische Erkenntnisse &#252;ber das private Schulwesen in Deutschland, obwohl dieses langsam, aber kontinuierlich w&#228;chst.</li><br />
</ol></p>

	<p><blockquote>Die p&#228;dagogische Funktion von Privatschulen im Schulsystem hebt ab auf die angenommene Bedeutung privater Schulen f&#252;r die Innovation des schulischen Feldes insgesamt. Privatschulen gelten weithin als Orte zur Entfaltung unkonventioneller p&#228;dagogischer und schulorganisatorischer Ideen, wo Reformen erprobt oder im Konsens mit den Eltern erweiterte Erziehungsaufgaben wahrgenommen werden. Historisch betrachtet ergeben sich hierf&#252;r jedoch wenig Belege. Vielmehr zeigt sich, dass sich Reforminitiativen ebenso im staatlichen Schulwesen realisieren lassen. Der Erfolg privater Schulen ist &#252;blicherweise eng an das pers&#246;nliche Wirken der Gr&#252;nder und Tr&#228;ger gebunden, sofern jene nicht in einer Lehre (z.B. Waldorf-, Montessori-, Jena-Plan-P&#228;dagogik) institutionalisiert werden. Zudem sind explizite Reformintentionen nur bei einem Teil privater Schulen zu verorten. Mehrheitlich sind jene in der p&#228;dagogischen Ordnung eher traditionell-konventionell, sehen ihre Aufgabe in einer kontrollierten und zuverl&#228;ssigen Wissensvermittlung bzw. bauen auf den weltanschaulichen oder religi&#246;sen Konsens mit den Eltern. [Koinzer / Leschinsky, S. 677f.]</blockquote></p>

	<p><strong>Zusammenarbeit mit privaten Schulen?</strong><br />
Was hei&#223;t das f&#252;r Bibliotheken und Schulbibliotheken? Vor allem wohl, dass es auch nicht so einfach ist, private Schulen mit innovativen Einrichtungen gleichzusetzen, die bereit w&#228;ren, sofort mit Bibliotheken zusammen zu arbeiten oder Schulbibliotheken zu gr&#252;nden. Gleichzeitig k&#246;nnte sich gerade ein eher konservativer p&#228;dagogischer Habitus darin niederschlagen, Bibliotheken als Leseorte hochzusch&#228;tzen oder Schulbibliotheken, die vielleicht gerade nicht als innovative Schulbibliotheken konzipiert und gef&#252;hrt werden, als notwendigen Bestandteil der Schule anzusehen. Zumindest scheint es auch hier wieder notwendig, weniger den politischen Aussagen &#252;ber private und staatliche Schulen zu vertrauen und eher die konkreten Einrichtungen anzuschauen. Gerade die kleinen privaten Schulen, die aus der Not heraus gegr&#252;ndet werden, haben offenbar andere Sorgen, als die Frage, ob sie mit der Bibliothek vor Ort &#8211; wen es die den &#252;berhaupt gibt &#8211; im Rahmen eines Kooperationsvertrages zusammenarbeiten sollen oder nicht, zu beantworten.</p>
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	</item>
		<item>
		<title>Jugendforschung: für einen fundierte statt einer additiven Interdisziplinarität</title>
		<link>http://bildungundgutesleben.blogsome.com/2009/10/12/jugendforschung-fur-einen-fundierte-statt-einer-additiven-interdisziplinaritat/</link>
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		<pubDate>Mon, 12 Oct 2009 12:26:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Karsten Schuldt</dc:creator>
		
	<category>Grundsätzliches</category>
	<category>Berichte</category>
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		<description><![CDATA[	Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft als interdisziplin&#228;re Wissenschaft zu beschreiben, w&#228;re mindestens gewagt. Nicht, dass in dieser Wissenschaft nicht sehr verschiedene Themenbereiche mit sehr unterschiedlichen Methodiken und Fragestellung von Forschenden mit sehr unterschiedlichen disziplin&#228;ren Hintergr&#252;nden behandelt w&#252;rden. Aber es fehlt doch sehr offensichtlich der zu einem wissenschaftlichen Feld geh&#246;rige gemeinsame Bezug auf die Forschungen anderer auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft als interdisziplin&#228;re Wissenschaft zu beschreiben, w&#228;re mindestens gewagt. Nicht, dass in dieser Wissenschaft nicht sehr verschiedene Themenbereiche mit sehr unterschiedlichen Methodiken und Fragestellung von Forschenden mit sehr unterschiedlichen disziplin&#228;ren Hintergr&#252;nden behandelt w&#252;rden. Aber es fehlt doch sehr offensichtlich der zu einem wissenschaftlichen Feld geh&#246;rige gemeinsame Bezug auf die Forschungen anderer auf dem gleichen Feld, es fehlt fast vollst&#228;ndig eine disziplin-interne Forschungsdebatte, Terminologie und, wenn man es genau nimmt, fehlt auch ein gemeinsamer Forschungsgegenstand. In gewisser Weise ist die Bibliotheks- und Informationswissenschaft (zumindest in Deutschland) &#8211; trotz aller Versuche, dass zu &#228;ndern &#8211; immer noch vorrangig ein Sammelbegriff f&#252;r verschiedenste Ans&#228;tze, Studien und Forschungen und weniger eine etablierte und sich selbst reproduzierende wissenschaftliche Disziplin. Das hei&#223;t nicht, dass sie es nicht werden k&#246;nnte.<br />
Bei einer solchen m&#246;glichen Umgestaltung der Bibliotheks- und Informationswissenschaft in eine besser funktionierende Disziplin w&#228;re es sicherlich sinnvoll, auf die Erfahrungen von Disziplinen zur&#252;ckzugreifen, die einen &#228;hnlichen Institutionalisierungsprozess scheinbar etwas besser durchgestanden haben. Ein Beispiel, welches nicht einmal unbedingt weit von den Forschungsthemen und Forschungsmethodiken der Bibliotheks- und Informationswissenschaft entfernt ist, scheint die Jugendforschung zu sein. Diese Wissenschaft ist trotz aller Probleme heute als eine Disziplin zwischen spezieller Sozialwissenschaft, Sozialer Arbeit, P&#228;dagogik und Erziehungspsychologie etabliert. Selbstverst&#228;ndlich wird sich auch in der Jugendforschung dar&#252;ber beklagt, dass die praktische Umsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Jugendpolitik, Bildungs- und sozialarbeiterischen Praxis und der &#214;ffentlichkeit defizit&#228;r sei; selbstverst&#228;ndlich gibt es auch in dieser Disziplin immer Stimmen, die sich &#252;ber eine zu geringe Wissenschaftlichkeit und / oder Praxisorientiertheit der Forschung beklagen und selbstverst&#228;ndlich sind mehr Geld, mehr Stellen und mehr Beachtung durch andere fast immer besser und werden deshalb auch in der Jugendforschung eingefordert. Dennoch scheint es &#8211; im Gegensatz zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft &#8211; einerseits in der &#214;ffentlichkeit akzeptiert, dass Jugendforschung notwendig ist. Anderseits hat sich eine mehr oder minder intensive Forschungsdiskussion innerhalb der Disziplin etabliert.<br />
Mit dieser Etablierung treten allerdings andere Probleme zutage, die in solchen &#8222;neuen&#8220; Disziplinen angelegt sind und offenbar von jeder einzelnen zu kl&#228;ren sind. Eines dieser Themen ist die Disziplinarit&#228;t beziehungsweise Interdisziplin&#228;rit&#228;t der jeweiligen Forschung.<br />
Zu diesem Thema, n&#228;mlich dem Verh&#228;ltnis von p&#228;dagogischer und soziologischer Jugendforschung &#8211; was praktisch auf die Frage nach der notwendigen oder nicht notwendigen Form der Interdisziplin&#228;rit&#228;t in der Jugendforschung hinausl&#228;uft &#8211; hat die <em>Zeitschrift Diskurs Kindheit- und Jugendforschung</em> in der aktuellen Ausgabe (3/2009) einen Schwerpunkt ver&#246;ffentlicht.</p>

	<p><strong>Interdisziplinarit&#228;t? Welche Interdisziplinarit&#228;t?</strong><br />
Interessant f&#252;r die Frage, was aus dieser Diskussion in der Jugendforschung f&#252;r die Bibliotheks- und Informationswissenschaft gelernt werden k&#246;nnte, scheint vor allem der einf&#252;hrende Artikel von Albert Scherr [<em>Scherr, Albert / Warum theoretisch undisziplinierte Interdisziplinarit&#228;t eine gesellschaftstheoretisch fundierte reflexive Jugendforschung nicht ersetzen kann. &#8211; Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 4 (2009) 3, S. 321-335</em>]. In diesem kritisiert Scherr das, was er additive Interdisziplinarit&#228;t nennt und entwirft stattdessen eine fundierte Interdisziplinarit&#228;t.<br />
Erstere Form der Forschungspraxis ist laut Scherr aktuell in der Jugendforschung vorherrschend. Hierbei werden auf einen relativ unbestimmten Forschungsgegenstand &#8222;Jugend&#8220; relativ beziehungslos unterschiedliche Forschungsans&#228;tze verwendet, deren Auswahl offenbar haupts&#228;chlich von den Vorlieben der Forschenden und den m&#246;glichen Aussagem&#246;glichkeiten der jeweiligen Studien bestimmt ist. Das Problem ist dabei laut Scherr nicht, dass unterschiedliche Ans&#228;tze verwendet werden, sondern, dass sich die Forschungen und Methoden nicht aufeinander beziehen w&#252;rden und deshalb nicht an einem gemeinsame Diskurs gearbeitet wird.<br />
<blockquote>&#8222;Eine nicht blo&#223; additive (und insofern theoretisch undisziplinierte), sondern theoriegeleitete Interdisziplinarit&#228;t&#8220; &#8211; so Scherr weiter &#8211; &#8222;setzt dagegen als Minimalbedingen eine Kl&#228;rung der Unterschiede zwischen den beteiligten Disziplinen in Verbindung mit einer f&#252;r diese anschlussf&#228;higen transdisziplin&#228;ren Bestimmungen des Forschungsgegenstandes voraus. Bedingung einer theoriegeleiteten Interdisziplinarit&#228;t in der Jugendforschung w&#228;re so betrachtet die Verst&#228;ndigung auf einen Jugendbegriff, der es erm&#246;glicht, sozialhistorische, soziologische, p&#228;dagogische und psychologische Theorien, Begriffe und Forschungsperspektiven in nachvollziehbarer Weise unterscheiden und auf dieser Grundlage aufeinander beziehen zu k&#246;nnen.&#8220; [Scherr (2009), S. 323f.]</blockquote><br />
Die hier von Scherr vertretende Hauptthese lautet also, dass erst eine Disziplin, welche sich auf einen gemeinsamen Forschungsgegenstand (hier den Jugendbegriff) verst&#228;ndigt, tats&#228;chlich in der Lage ist, eine produktive Interdisziplinarit&#228;t hervorzubringen, w&#228;hrend sie ansonsten auf die reine Ansammlung von Studien und Forschungsrichtungen unter einem Oberbegriff, aber mit wenigen Bez&#252;gen untereinander, verwiesen bliebe. [1]<br />
Das die Jugendforschung bislang &#8211; angesichts solcher empirischen Sammlungen wie den Shell-Jugendstudien oder dem Jugendsurvey des Deutschen Jugendinstituts und darauf aufbauender Forschungen &#8211; auf eine &#8222;grundlegendtheoretische Fundierung&#8220; verzichten zu k&#246;nnen scheint, ist nach Ansicht Scherrs auch einer Forschungspraxis geschuldet, die sich &#8211; unter anderem wegen der haupts&#228;chlichen Finanzierung durch Drittmittelprojekte und &#228;hnlichen Quellen &#8211; bei der Definition dessen, was im Rahmen der jeweiligen Studie als &#8222;Jugend&#8220; untersucht wird und welche Fragen wie bearbeitet werden, vor allem nach der potentiellen Verwendbarkeit der Ergebnisse richte und nicht nach einer disziplin-eigenen Logik und &#220;bereinkunft. Allerdings w&#228;re dies, so Scheer, f&#252;r eine funktionierende Forschungsdisziplin notwendig.</p>

	<p><strong>Probleme additiver Interdisziplinarit&#228;t</strong><br />
Scherr nennt drei grunds&#228;tzliche Probleme, die sich seiner Meinung nach aus der additiven Interdisziplinarit&#228;t in der Jugendforschung ergeben:<br />
<ol></p>
	<p><li>Zentrale Kategorien &#8211; nicht nur Jugend, sondern auch Altersgruppe, Migrationshintergrund, Kriminalit&#228;t etc. &#8211; werden zwar nicht diskutiert oder zumindest ausreichend reflektiert, aber dennoch verwendet. Anstatt also in einer Gesamtschau auf das Konzept Jugend die Begrifflichkeiten &#8222;Migrationshintergrund&#8220; und &#8222;Kriminalit&#228;t&#8220; zu untersuchen, werden diese eher als unumstritten gegeben verwendet [obwohl sie dies bekanntlich nicht sind] und aus disziplinfremden Quellen zitiert.</li><br />
<li>Teile der Jugendforschung koppeln sich explizit von der gesellschaftstheoretischen Fundierung ab. Dass hei&#223;t Jugendforschung wird im besten Fall zu einer Jugendkulturforschung, welche den &#8211; eigentlich wirkungsm&#228;chtigen &#8211; gesellschaftlichen Hintergrund ausblendet und deshalb auch wichtige Erkl&#228;rungszusammenh&#228;nge nicht herstellen kann.</li><br />
<li>Institutionell wird die origin&#228;re Soziologie aus der Forschung und Ausbildung verdr&#228;ngt (was sich auch in der geringen Einstellung von Soziologinnen und Soziologen in der Ausbildungseinrichtungen niederschlagen w&#252;rde, also tats&#228;chlich personelle Konsequenz hat) und daf&#252;r sehr selbstbewusst aus der Soziologie eine eigenst&#228;ndige Jugendsoziologie extrahiert. Diese spezifische Verengung &#8211; die auch Vorteile hat und an der Scherr mit seinem Standardwerk &#8222;Jugendsoziologie&#8220; aktiv mitgewirkt hat &#8211; sei m&#246;glicherweise problematisch, da Jugend ein Konstrukt mit gesamtgesellschaftlicher Relevanz sei und deshalb auch als gesamtgesellschaftlicher Verh&#228;ltnis wahrgenommen werden m&#252;sse, um verstanden zu werden.</li><br />
</ol></p>

	<p><strong>Was w&#228;re notwendig?</strong><br />
Weiterhin stellt Scherr sieben Thesen f&#252;r eine notwendige, theoriefundierte Interdisziplinarit&#228;t auf, von denen einige sich direkt auf die Jugendforschung beziehen, andere aber auch auf andere (geisteswissenschaftliche) Disziplinen zu &#252;bertragen sein werden.<br />
<ol></p>
	<p><li>Notwendig ist eine Bestimmung der Jugendbegriffs [oder, bezogen auf andere Disziplinen, des genauen Forschungsgegenstandes].</li><br />
<li>Akzeptiert werden muss als allgemeiner Forschungsgegenstand der Jugendforschung die gesellschaftliche Institutionalisierung und Strukturierung des Jugendbegriffs, nicht nur das rein kulturwissenschaftliche Forschungskonstrukt &#8222;Jugend&#8220;.</li><br />
<li>Mit der zweiten These zusammen h&#228;ngt, dass als allgemeiner Forschungsgegenstand akzeptiert werden muss, dass die unterschiedlichen Jugenden (verstanden als Vielheiten der gelebten Jugendkonzepte), gesellschaftliche strukturiert sind und diese Strukturierung auch auf heutige Jugendszenen und -kulturen nicht bedeutungslos ist.</li><br />
<li>Notwendig ist eine kritisch-reflexive Perspektive der Jugendforschung, also die kontinuierliche Selbstaufkl&#228;rung der Disziplin &#252;ber ihren eigenen Stand und ihre Bedeutung im gesellschaftlichen Diskurs (dass hei&#223;t auch, des Einflusses von Aussagen der Jugendforschung auf die Jugendpolitik und die &#246;ffentliche Debatte &#252;ber Jugend).</li><br />
<li>Jugend muss als transistorische Lebensphase verstanden werden, also als eine Phase, in der nicht nur best&#228;ndig Ver&#228;nderungen auftreten und gefordert werden, sondern die von einer Lebensphase (Kindheit) in eine andere Lebensphase (Erwachsen-Sein) f&#252;hrt. Jugend kann nicht als alleinstehende Entit&#228;t verstanden und untersucht werden.</li><br />
<li>Die Frage, wie Jugend und Erwachsen-Sein zu trennen seien (die in den unterschiedlichen Studien der Jugendforschung tats&#228;chlich sehr unterschiedlich beantwortet werden) sei wie folgt zu l&#246;sen: &#8222;Als Jugendliche im Unterschied zu Erwachsenen k&#246;nnen diejenigen gelten, von denen dies [eigene Erwerbst&#228;tigkeit, faktische Distanzierung von der Herkunftsfamilie, K.S.] noch nicht erwartet werden.&#8220; [Scherr (2009), S. 332] Damit beharrt Scherr darauf, dass Jugend weder allein durch ein konkretes Alter, noch durch einen Arbeitsmarktstatus ausgedr&#252;ckt werden kann, sondern eine kulturelle Grundlage hat.</li><br />
<li>Zur Frage der Abgrenzung von Kindheit und Jugend benennt Scherr parallel das Ph&#228;nomen der Selbstvergesellschaftung als Differenzierungsmerkmal: Jugendliche nehmen sich &#8211; im Gegensatz zu Kindern &#8211; Freir&#228;ume ohne Erwachsene, bilden eine eigene Sprache und eigene Inhalte aus und weigern sich, alle sie selbst und ihr Leben Betreffende, mit Erwachsenen zu besprechen. Auch das ist nicht unbedingt an ein genaues Alter gebunden.</li><br />
</ol></p>

	<p><strong>Schlussfolgerungen f&#252;r die Bibliotheks- und Informationswissenschaft?</strong><br />
W&#228;hrend die f&#252;nfte bis siebente These sich sehr direkt auf die Jugendforschung beziehen und deren Relevanz auch eine gewisse Kenntnis der dort implizit gef&#252;hrten Debatten voraussetzt, lassen sich die Thesen eins bis vier auch auf Disziplinen beziehen, die &#228;hnlich strukturiert sind (oder sein k&#246;nnten, wie die Bibliotheks- und Informationswissenschaft). Interdisziplinarit&#228;t, die &#252;ber die reine Sammlung von Studien unter einem Oberbegriff hinausgehen und vielmehr eine Disziplin theoretisch fundieren soll, ben&#246;tigt also Scherrs Meinung:<br />
<ol></p>
	<p><li>Einen gemeinsam geteilten Forschungsgegenstand. Einen solchen hat die Bibliotheks- und Informationswissenschaft aktuell nicht. Vielmehr ist in den letzten Jahren durch die Ausweitung der Forschungsanstrengungen in Richtung Informationsnutzung, Kommunikationsnutzung, Standards und Bestandssicherung/-katalogisierung die Themenvielfalt sogar erweitert worden (was wiederum zu begr&#252;&#223;en ist).</li><br />
<li> und 3.) Die gesellschaftliche Verortung des Forschungsgegenst&#228;nde. Scherr verlangt, dass der jeweilige Forschungsgegenstand nicht als rein selbstst&#228;ndige Entit&#228;t aufgefasst wird. Wer nicht versteht, dass die umgebende Gesellschaft nicht nur am Rand des Forschungsgegenstandes vorhanden ist, sondern diesen mit strukturiert, sei darauf verwiesen, best&#228;ndig defizit&#228;re Ergebnisse zu produzieren. Selbstverst&#228;ndlich l&#228;sst sich fragen, ob dies f&#252;r die Themen der Bibliotheks- und Informationswissenschaft ebenso zutrifft, wie f&#252;r die Jugend, insbesondere, wenn man diese Themen weiter differenziert. Dass das Funktionieren einer &#214;ffentlichen Bibliothek nicht verstanden werden kann, wenn man die Gesellschaft, in welcher sie wirkt, nur als Umfeld oder als Anforderungen stellende Nutzerinnen und Nutzer interpretiert, d&#252;rfte leicht einsichtlich sein. Aber bei Fragen beispielsweise der Standardisierung von Markup-Sprachen scheint dies schon schwieriger. Allerdings &#8211; und dies ist eine pers&#246;nliche Meinung, mit der ich mich Scherr anschlie&#223;en m&#246;chte, auch wenn sie anderswo eventuell weiter ausgef&#252;hrt werden m&#252;sste &#8211; ist es richtig, dass alle Themen und Diskussionen, die in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft behandelt werden, nicht sinnvoll zu f&#252;hren sind, wenn die gesellschaftliche Struktur dieser Themenkomplexe und Institutionen nicht mit beachtet wird.</li><br />
<li>Eine Forschungsdisziplin muss sich kontinuierlich selbst &#252;ber ihre Funktionsweisen und Bedeutung aufkl&#228;ren. Nur auf diese Weise l&#228;sst sich eine sinnvolle disziplin&#228;re Weiterentwicklung von Themen und Strukturen bewerkstelligen. Eine Disziplin, die sich nicht kritisch ihrer selbst versichert, wird auch nicht in der Lage sein, sich als Forschungs- und Diskussionszusammenhang zu verstehen. Hierzu bedarf es nicht nur des Willens der Forschenden, sich auf diese Aufgabe einzulassen und einer ausgepr&#228;gten Diskussionskultur. [2] Es bedarf dazu auch funktionierender und in der Disziplin wahrgenommener Publikationsstrukturen.</li><br />
</ol></p>

	<p><strong>Zusatz: Kann man Methoden einfach &#252;bernehmen?</strong><br />
An dieser Stelle kann auf ein Problem hingewiesen werden, dass vielleicht in der Jugendforschung nicht so verbreitet ist und deshalb von Scherr nicht besprochen wird, welches allerdings bezogen auf die Vorstellung, was interdisziplin&#228;re Forschung sein soll, immer wieder auftritt. Interdisziplinarit&#228;t bedeutet eigentlich die &#220;bernahme von Forschungsmethoden und Fokussen aus unterschiedlichen Forschungsdisziplinen in eine &#8211; zumeist durch ihren Gegenstand bestimmte &#8211; Disziplin. Diese &#220;bernahme soll nicht kontextlos geschehen, sondern dazu beitragen, den jeweiligen Forschungsgegenstand mit Methoden und Fragen aus einer anderen Disziplin umfassender zu untersuchen. Insoweit ist Interdisziplinarit&#228;t kein Selbstzweck. Vor allem aber setzt Interdisziplinarit&#228;t voraus, dass bei denjenigen, welche die genutzten Methoden ausw&#228;hlen und Forschungsfragen bestimmen, auch die Kompetenzen vorhanden sind, dies zu tun. Das bedeutet, dass sie den Forschungszusammenhang, den sie &#8222;beleihen&#8220;, immerhin soweit als Disziplin kennen und ernst nehmen m&#252;ssen, dass sie auch die Entstehungs- und Verwendungszusammenh&#228;nge der dann &#8222;entliehenen&#8220; Methoden und Fragestellungen nachvollziehen k&#246;nnen.<br />
Die Praxis hingegen sieht &#8211; und das l&#228;sst sich direkt auf die Bibliotheks- und Informationswissenschaft beziehen &#8211; oft so aus, dass aus einer Forschungsdisziplin heraus einfach eine Methode aus einer anderen Disziplin gew&#228;hlt wird, wobei nicht ersichtlich wird, warum es gerade diese ist. Bei der Verwendung derselben wird dann zumeist der Eindruck vermittelt, als ob die gew&#228;hlte Methode in der Disziplin, aus der sie &#8222;entliehen&#8220; wurde, allgemein akzeptiert sei und ihre Verwendung praktisch die Einbeziehung der anderen Disziplin in der eigenen Forschung darstellen w&#252;rde.<br />
Das ist selbstverst&#228;ndlich immer falsch. Jede funktionierende Forschungsdisziplin, die Methoden und Fragen hervorbringt, welche &#8222;entliehen&#8220; werden k&#246;nnen, hat eine aktive Forschungsdiskussion. Alle Methoden stehen in einer solchen Forschungsdisziplin in einem Zusammenhang mit anderen Methoden: mal sind sie Alternativen, mal Erg&#228;nzungen, oft ist in einer Disziplin akzeptiert, dass eine Methode nur Aussagen &#252;ber bestimmte Fragen erm&#246;glicht, aber nicht &#252;ber den gesamten Forschungszusammenhang. Oft gibt es zu den Methoden einer Disziplin innerhalb dieser grundlegende Kritiken. Und immer ist die Verwendung einer Methode oder eines Fokus eingelassen in einen gr&#246;&#223;eren Forschungszusammenhang. Eine Praxis, die einfach nur eine Methode &#252;bernimmt, ignoriert diesen Forschungszusammenhang.<br />
Notwendig f&#252;r eine interdisziplin&#228;re Forschung w&#228;re, den Forschungszusammenhang, aus dem eine Methode entnommen wurde, mit zu reflektieren und sich dabei klar zu sein, dass die &#220;bernahme einer Methode aus beispielsweise der Sozialwissenschaft, nicht bedeutet, sozialwissenschaftlich zu arbeiten. Vielmehr m&#252;sste es darum gehen, auch die &#8222;entliehene&#8220; Methode als eine in ihrer Aussagekraft begrenzte zu akzeptieren, deren Verwendung zudem oft &#220;bung, Methodenwissen und ein Wissen &#252;ber die Hintergr&#252;nde dieser Methode voraussetzt. Sie einfach zu &#252;bernehmen und damit nicht nur eine andere Forschungsrichtung vollst&#228;ndig zu repr&#228;sentieren, sondern zudem davon auszugehen, dass die &#8222;entliehene&#8220; Methode quasi automatisch ausreichend korrekt verwendet wurde, ist nicht wirklich realistisch. Es bedarf auch in der Interdisziplinarit&#228;t eines ausreichenden Respekts vor den Forschenden und deren Forschungen in anderen Disziplinen. Diese sind &#8211; wie man selber als Forschender oder Forschende &#8211; auf ihrem Gebiet kompetent und engagiert. Andere Disziplinen einfach nur als Baukasten f&#252;r die eigene Forschung zu betrachten, ist noch lange nicht ausreichend, um die eigene Forschung interdisziplin&#228;r nennen zu k&#246;nnen.<br />
Vielleicht wird dies in folgender Skizze etwas verst&#228;ndlicher:<br />
<img src='/images/blog_graphikinterdisziplinrepraxis.png' width='450px' /><br />
Interdisziplinarit&#228;t ist also kein Selbstzweck und auch nicht &#8222;nebenher&#8220; zu etablieren. Vielmehr ist eine sinnvolle interdisziplin&#228;re Forschungspraxis als valide Praxis nur dann zu verwirklichen, wenn andere Forschungsdisziplinen als ebenso divers und engagiert akzeptiert werden, wie die eigene Forschung.</p>

	<p><strong>Fu&#223;noten</strong><br />
[1] Akzeptiert man diese These, so w&#228;re dies auch einen m&#246;gliche Erkl&#228;rung f&#252;r die relative Unproduktivit&#228;t der deutsch-sprachigen Gender Studies im Gegensatz zur englisch-sprachigen, die beide fraglos interdisziplin&#228;r arbeiten. W&#228;hrend die englisch-sprachige Gender Studies sich fast ausschlie&#223;lich auf den Themenbereich der Konstitution und Reproduktion von Geschlecht bezieht, und andere, angrenzende Forschungsbereiche anderen &#8222;angrenzenden&#8220; Disziplinen &#252;berl&#228;sst, hat sich in der deutsch-sprachigen Gender Studies eine solche Fokussierung (bislang) nicht ergeben. Vielmehr sind in dieser sehr unterschiedliche Teildisziplinen wie die Frauen- und Geschlechtersoziologie, die Frauengeschichte, die feministische Naturwissenschaftskritik, die feministische Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft, die feministische Theologie und so weiter zusammengefasst und zudem eine ganze Reihe von kritischen Forschungsdisziplinen, welche anderswo  eigenst&#228;ndige existieren &#8211; wie die critical witness studies, die homosexual studies, die postcolonial studies &#8211; &#8222;eingegliedert&#8220; worden. Nicht zuletzt ist in der deutsch-sprachigen Gender Studies der Streit um die Bedeutung des K&#246;rpers, der insbesondere mit dem Streit Babara Duden / Judith Butler verbunden wird, nicht gel&#246;st, sondern eher aufgeschoben worden, was aber auch dazu f&#252;hrt, dass in der Forschung selber undiskutiert von sehr unterschiedlichen Forschungsgegenst&#228;nden ausgegangen wird.<br />
[2] Schaut man in andere Disziplinen wird ersichtlich, dass es nicht nur eine einzige Form dieser Diskussionskultur gibt. Der konfrontative Stil, welcher in der Erziehungswissenschaft gepflegt wird, hat wenig mit dem offenen Stil in den Gender Studies oder dem Stil, welcher in der Philosophie gepflegt wird &#8211; bei welchem es f&#252;r die Diskutierenden offenbar notwendig ist, sich best&#228;ndig selber seiner oder ihres Wissens zu versichern &#8211; zu tun. Die Diskussionskultur einer Disziplin kann sich auch &#228;ndern. So ist es heute in den Sozialwissenschaften usus, die eigenen Leistungen zu kleinen Beitr&#228;gen zu gr&#246;&#223;eren Forschungen abzuqualifizieren und die Leistungen anderer Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler, selbst wenn man ihnen widerspricht, als wichtige und spannende Beitr&#228;ge zu loben. Das hat schon dazu gef&#252;hrt, dass sich Forschende voll Wehmut an Soziologiekongresse in den sp&#228;ten 1980er Jahren zur&#252;ck erinnerten, in welchem offenbar vor allem Vertreterinnen und Vertreter der Luhmannschen Systemtheorie sich lautstarke Auseinandersetzungen mit Vertreterinnen und Vertretern der sich etablierenden soziologischen Frauenforschung und der neo-marxistisch orientierten Forschenden lieferten und sich auf dem Podien offenbar beleidigt und angeschrien wurde, was zumindest f&#252;r etwas Aufregung gesorgt h&#228;tte. [Klassisch zu dieser Auseinandersetzung ist der Aufsatz <em>Luhmann, Niklas / Frauen, M&#228;nner und George Spencer Brown. &#8211; In: Zeitschrift f&#252;r Soziologie 17 (1998) 1, <span class="caps">S 47</span>&#8211;71</em>. Dieser Text, der eigentlich als Ablehnung der Frauenforschung durch Luhmann interpretiert wird, hat die heutige feministische Forschung nicht davon abgehalten, sp&#228;ter (als die Diskussionskultur sich ge&#228;ndert, aber Luhmann auch verstorben war), sich diesen Text &#8222;produktiv anzueignen. Vgl. <em>Pasero, Ursula ; Weinbach, Christine / Frauen, M&#228;nner, Gender Trouble : Systemtheoretische Essays. &#8211; Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2003</em>] So oder so zeigt sich aber: jede dieser Disziplinen hat eine eigene Diskussionskultur, mit eigenem Habitus und eigenen Grenzen. Aber welchen Habitus, welche Grenzen hat die Diskussionskultur in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft?</p>
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		<title>That&#8217;s what young people wear today. In Berlin.</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Sep 2009 01:20:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Karsten Schuldt</dc:creator>
		
	<category>Grundsätzliches</category>
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		<description><![CDATA[	Seen at the feminist / antifascist protests against christian fundamentalism and the &#167;218 and for every woman&#8217;s right to choose an abortion in Berlin at 09/26/2009.

	

 ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>Seen at the<a href="http://no218nofundis.wordpress.com/"> feminist / antifascist protests</a> against christian fundamentalism and the &#167;218 and for every woman&#8217;s right to choose an abortion in Berlin at 09/26/2009.</p>

	<p><img src='/images/DSC00194_klein.JPG' width='500px' alt='Picture of a bag, that states "she blinded me with library science"' /></p>

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		<title>Zur Angst vor dem Web 2.0</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Sep 2009 19:04:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Karsten Schuldt</dc:creator>
		
	<category>Grundsätzliches</category>
	<category>Jugendliche</category>
	<category>Medien</category>
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		<description><![CDATA[	Gerade bei den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren au&#223;erhalb der Blogosphere gibt es bekanntlich auch erhebliche Vorbehalte gegen das Web 2.0. Dabei geht es zumeist noch nicht einmal darum, diesen Begriff als Hype zu beschreiben oder als unscharf, wie das anderswo geschieht; zumeist geht es einfach darum, dass nicht nachvollzogen werden kann, wie Jugendliche (und Kinder) im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>Gerade bei den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren au&#223;erhalb der Blogosphere gibt es bekanntlich auch erhebliche Vorbehalte gegen das Web 2.0. Dabei geht es zumeist noch nicht einmal darum, diesen Begriff als Hype zu beschreiben oder als unscharf, wie das anderswo geschieht; zumeist geht es einfach darum, dass nicht nachvollzogen werden kann, wie Jugendliche (und Kinder) im Netz kommunizieren. Das ist zumeist der Hauptpunkt, an dem &#8211; nun ja &#8211; Kritik ge&#228;u&#223;ert wird. Jugendliche seien nicht in der Lage, zu verstehen, was sie da eigentlich mit ihren pers&#246;nlichen Daten tun. Sie w&#252;rden sich exhibitionieren, sie w&#252;rden ohne jede Not ihre Privatsph&#228;re aufgeben und seien nicht (mehr) in der Lage, zu verstehen, dass sie sich mit ihrer Internetnutzung in Gefahr begeben. Und Bibliothekarinnen und Bibliothekare sind nicht die Einzigen, welche diese Meinung vertreten, vielmehr wird diese Anschauung auch in f&#252;hrenden deutschen Medien oder beim B&#228;cker um die Ecke vertreten.<br />
Es w&#228;re leicht, diese Vorbehalte als weiteren Ausdruck der kaschierten Verachtung &#228;lterer Generationen gegen&#252;ber der jeweiligen Jugend zu interpretieren &#8211; und das w&#228;re gewiss noch nicht einmal vollst&#228;ndig falsch. Es w&#228;re auch m&#246;glich, dem Gro&#223;teil der Menschen, welche diese Meinung vertreten, nachzuweisen, dass sie selber so gut wie keine Ahnung von der tats&#228;chlichen Kommunikation im Internet, den dort geltenden Codes und Verhaltensweisen haben, sondern sich auf Einzelf&#228;lle und Horrormeldungen als Informationsquelle zu beschr&#228;nken &#8211; also, sie als die prototypischen Anh&#228;ngerinnen und Anh&#228;nger Ursula von der Leyens darzustellen. Auch das mag teilweise nicht ganz falsch sein, wenn es auch etwas &#252;berspitzt w&#228;re.<br />
Es scheint aber daneben einen weiteren Kern dieses Mi&#223;-/Verst&#228;ndnisses zwischen den Nutzerinnen und Nutzern des Web 2.0 (die sich zumeist ja noch nicht einmal als solche bezeichnen w&#252;rden, sondern einfach nur die Kommunikationssp&#228;hren nutzen, an denen sie Interesse haben) und den Warnenden zu geben, n&#228;mlich Themenkomplex Privatheit und informationelle Selbstbestimmung im Internetzeitalter. Auch auf diesem Gebiet wurden in den letzten Monaten und Jahren Debattenbeitr&#228;ge ausgetauscht, obgleich es teilweise so schien, als w&#252;rde die eine Seite die Argumente der anderen Seite nicht wahrnehmen wollen &#8211; was unter Umst&#228;nden auch daran lag, dass die Debatten am Lautesten in der Politik ausgetragen wurden und sich mit von der Leyen eine Symbolfigur etablierte, die sowohl (f&#252;r ihrer Anh&#228;ngerinnen und Anh&#228;nger) als hartn&#228;ckige Vertreterin ihrer Position als auch als realit&#228;tsfremde und absichtlich mit falschen Informationen an einer Zensur arbeitende Hassfigur interpretiert werden kann.<br />
Aber zum eigentlichen Anlass dieses Postings: die neue Ausgabe der merz (<em>medien + erziehung, zeitschrift f&#252;r medienp&#228;dagogik</em>, August 2009) hat gerade das Thema informationelle Selbstbestimmung als Schwerpunktthema. Und zwei der vier Hauptbeitr&#228;ge liefern gute Argumente gegen eine Verdammung der heutigen Jugend, wie sie so gerne (wenn auch nicht immer offen) in der &#246;ffentlichen Diskussion betrieben wird.</p>

	<p><strong>Ist die Jugend dumm?</strong><br />
<blockquote>Dabei [bei den Debatten um die Nutzung des Internets durch Jugendliche, K.S.] wird meist [&#8230;] unterstellt, dass es der mediale Wandel sei, insbesondere also das Internet, das diese Ver&#228;nderungen [beim Umgang mit den eigenen Daten, K.S.] bewirkt habe. Derartigen Ansichten sollten immer misstrauisch stimmen, denn sie siedeln sozialen Wandel in technischen Gegebenheiten an, was in der Regel nicht stimmt, wie alle historischen Untersuchungen zeigen: Medientechniken sind Potenziale und es kommt in einem ersten Schritt zun&#228;chst einmal darauf an, ob und wie diese Techniken sozial und kulturell von den Menschen verwendet werden. Erst auf der Basis dieser Grundlage stellt sich die Frage, wie die Techniken, um die es geht, genau funktionieren und wie sie ausgelegt sind. <strong>Dass und wie spezifische mediale Potenziale verwendet werden, hat soziale und kulturelle Gr&#252;nde, erst, was dann daraus wird, ist auch von den technischen Bedingungen und Realisierungen abh&#228;ngig.</strong> [Krotz, Friedrich (2009) / Die Ver&#228;nderung von Privatheit und &#214;ffentlichkeit in der heutigen Gesellschaft. &#8211; In: merz 53 (2009) 4, S. 12-21]</blockquote><br />
Der eben zitierte Text von <em>Friedrich Krotz</em> geht auf eine grunds&#228;tzliche Frage ein: hat das Internet das Kommunikationsverhalten und das Verh&#228;ltnis von Privatheit und &#214;ffentlichkeit grundlegend ver&#228;ndert, insbesondere bei Jugendlichen? Er bespricht hierzu vier Perspektiven auf das genannte Verh&#228;ltnis.<br />
<ol></p>
	<p><li>Die politische Perspektive, bei welcher &#8211; an <em>J&#252;rgen Habermas</em> angelehnt &#8211; Privatheit als individuelles Menschenrecht in der Moderne und &#214;ffentlichkeit als Ort der Aushandlung demokratischer Prozesse verstanden wird.</li><br />
<li>Eine medienbezogen Perspektive, in welcher Medien als &#8222;vierter Gewalt&#8220; eine immanente Funktion in der demokratischen Gesellschaft zugeschrieben wird, weil sie die Aufgabe h&#228;tten, &#252;ber reine Berichterstattung hinauszugehen.</li><br />
<li>Eine medienpraktische Perspektive, die nicht fragt, welche Aufgabe Medien in der Demokratie theoretisch h&#228;tten, sondern welche Rolle sie tats&#228;chlich spielen. Hier kommt Krotz zu dem Ergebnis, dass es gerade die Medien sind (wenn man auch nicht alle verallgemeinern darf), die &#8222;immer wieder die Menschenw&#252;rde Einzelner [verletzen], indem sie ganz private Informationen mit oder ohne Einwilligung der Betroffenen ver&#246;ffentlichen, um damit Publikum zu gewinnen.&#8220; [<em>Krotz (2009), S. 15</em>]</li><br />
<li>Eine Perspektive, die einbezieht, dass Medien und Dienste im Web 2.0 mit den (privaten) Daten der Nutzerinnen und Nutzer Geld verdienen wollen (m&#252;ssen).</li><br />
</ol></p>
	<p>Diese Unterteilung des Verh&#228;ltnisses von Privatheit und &#214;ffentlichkeit zeigt nach Krotz, dass es keine einfache Antwort auf die Frage geben kann, wie dieses Verh&#228;ltnis heute aussieht. Es ist aber klar, dass nicht allein das Internet dazu gef&#252;hrt haben kann, dass es eine Ver&#228;nderung gibt, wenn es den eine Ver&#228;nderung gibt.<br />
Allerdings weist er in seinem Artikel die Vorstellung, dass Jugendliche heute bedenkenlos mit ihrer Daten umgehen w&#252;rden und sie deshalb dazu erzogen werden m&#252;ssten, dies nicht zu tun, entschieden zur&#252;ck. Vielmehr betont er, dass es eine lebenspraktische Aufgabe im Jugendalter w&#228;re, sich vom seiner / ihrer Familie zu trennen und dies gerade &#252;ber die Darstellung seiner / ihrer Selbst:<br />
<blockquote>Es ist eine der wichtigen Entwicklungsaufgaben Heranwachsender, aus dem Schutz der engeren Familie herauszutreten, sich selbst mit den je eigenen St&#228;rken und Schw&#228;chen zu pr&#228;sentieren und zu erleben, dar&#252;ber Anerkennung, Freunde und Freundinnen zu gewinnen und so auch ein realistisches Selbstbild zu entwickeln. Das tun Jugendliche schon immer in ihren Peergroups oder in der Schule, und heute tun sie das eben auch in den sozialen Vergemeinschaftungsformen, die das Internet anbietet, weil das Internet zu ihrem normalen Lebensumfeld geh&#246;rt. [Krotz (2009), S. 13]</blockquote><br />
Auf die m&#246;gliche Frage, ob diese Selbstdarstellung nicht dennoch in hohem Ma&#223;e gef&#228;hrlich ist, antwortet Krotz, dass es nicht die Aufgabe der Jugendlichen (allein) sein kann, sich darum zu k&#252;mmern, wie mit ihren privaten Daten umgegangen wird. Es sind Firmen und Medienunternehmen, welche den gr&#246;&#223;ten Missbrauch mit diesen Daten betrieben. Die Gesellschaft als Ganzes h&#228;tte deshalb die Pflicht, diesen Missbrauch zu unterbinden, was mit einer aktiven Datenschutzpolitik zu bewerkstelligen sei. Das Problem seine nicht die Jugendlichen, die Daten ver&#246;ffentlichen, sondern die Firmen, die diese Daten (falsch) nutzen w&#252;rden. Dabei geht es nicht nur um direkten Datenmissbrauch, sondern auch um die Praxis von Firmen, sich die Rechte an Daten, die sie beispielsweise als social network hosten, zuzuschreiben und per Einverst&#228;ndniserkl&#228;rung zuschreiben zu lassen, obwohl diese Daten von den Nutzerinnen und Nutzern aus privaten Gr&#252;nden erstellt wurden.</p>

	<p><strong>Das geht euch nichts an, obwohl es im Netz steht</strong><br />
Ein weiteres Problem bei der Bewertung des Verh&#228;ltnisses &#214;ffentlichkeit versus Privatheit thematisiert <em>Niels Br&#252;ggen</em> in einem Text, welche die Ergebnisse eines Forschungsprojektes des <em>Instituts f&#252;r Medienp&#228;dagogik in Forschung und Praxis</em> darstellt. [<em>Br&#252;ggen, Niels (2009) / &#8222;Privatsachen im Internet&#8220; oder &#8222;Mein Privatleben geht nur mich was an&#8220; : Auf den Online-Spuren Jugendlicher und ihrer Vorstellungen von Privatsph&#228;re. &#8211; In: merz 53 (2009) 4, S. 27-33</em>] Die Auffassung davon, was privat und was &#246;ffentlich ist, k&#246;nnte einfach sehr differenzieren.<br />
Im Allgemeinen wird in der Debatte um Privatheit davon ausgegangen, dass einfach alles, was ins Internet gestellt und nicht explizit durch Passw&#246;rter et cetera gesch&#252;tzt wird, &#246;ffentlich w&#228;re. Privat sei, was explizit privat gehalten w&#252;rde. Das beschriebene Forschungsprojekt wollte untersuchen, wie Jugendliche mit ihren privaten Daten umgehen und stie&#223; dabei auf ein die Forschenden irritierendes Problem: die Jugendlichen sahen das &#252;berhaupt nicht so, dass die ihre Daten einfach so f&#252;r Forschungen genutzt werden d&#252;rften.<br />
Vielmehr scheint es, das Jugendliche bestimmte Bereiche des Internets, gerade soziale Netzwerke, nicht als &#246;ffentlich verstehen, sondern als privat. Zwar h&#228;tte jede und jeder die M&#246;glichkeit, die dort eingestellten Daten einzusehen, aber das sei nicht der Sinn des Ganzen: es geht darum, mit Freundinnen und Freunden zu kommunizieren, eventuell auch neue Menschen kennen zu lernen &#8211; aber nicht darum, alles allen mitzuteilen. [1]<br />
Dies widerspricht zwar der intuitiven Auffassung der Forschenden, die &#8211; wie auch andere &#8211; davon ausgingen, dass Dinge, die im Netz stehen, dort stehen, damit sie jede und jeder sehen kann (oder mit ihnen forschen kann). Aber wenn man ehrlich ist, muss man sich fragen, woher eigentlich diese &#220;berzeugung kommt. Gesellschaftlich ist es etabliert, dass es bestimmte Schamgrenzen gibt, die man nicht &#252;berschreitet; dass es Situationen und R&#228;ume gibt, die man absichtlich nicht wahrnimmt, obwohl man es vielleicht k&#246;nnte. Und &#196;hnliches scheint sich f&#252;r Jugendliche auch im Netz etabliert zu haben: ein Beitrag in einer Online-Community ist f&#252;r die da, die ein berechtigtes Interesse haben, diese Informationen zu erhalten &#8211; wobei berechtigt nicht hei&#223;t, dass sie damit Geld machen wollen, sondern dass es Freundinnen und Freunde sind oder Menschen, die bestimmte Interessen teilen. Jeder Vergleich hinkt, aber vielleicht ist diese Auffassung gut mit einen Gespr&#228;ch in einem Caf&#233; zu vergleichen: dass kann zwar jede und jeder am Nebentisch h&#246;ren, aber es ist erstmal nur f&#252;r die Personen am gleichen Tisch bestimmt. Wer teilhaben will, soll sich mit an den Tisch setzen und wenn er oder sie dort akzeptiert wird, ist das okay. Ansonsten geht der Inhalt des Gespr&#228;ches niemand etwas an. In dieser Situation ist es im Allgemeinen sozial eintrainiert, diese Gespr&#228;che am Nebentisch &#8222;nicht zu h&#246;ren&#8220;. &#196;hnliches scheint von Jugendlichen im Netz auch vorausgesetzt zu werden.<br />
Sie fordern also, wie Br&#252;ggen das formuliert, eine &#8222;Privatsph&#228;re in Online-Communities&#8220; [<em>Br&#252;ggen (2009), S. 32</em>]. Zwar l&#228;sst sich die Frage stellen, ob diese Forderung realistisch ist, aber wie Krotz im vorher besprochen Text schon andeutete, w&#228;re es falsch, die Verantwortung an der Nutzung von Daten nur denen zuzuschreiben, welche die Daten einstellen. Es geht offenbar auch um eine Frage des gesellschaftlichen Moral: muss man und soll man alles wahrnehmen, was ins Web 2.0 eingestellt wird?</p>

	<p><blockquote>Fu&#223;note:<br />
[1] Dies deckt sich auch mit der Erkenntnis, dass die Kommunikation Jugendlicher im Internet zumeist gerade nicht &#8222;mit allen&#8220; stattfindet, sondern mit denjenigen Menschen, mit denen sie auch in ihrem Alltag au&#223;erhalb des Netzes (im Reallife) kommunizieren. Das Netz ist f&#252;r die Meisten zuv&#246;rderst eine weitere Kommunikationssph&#228;re innerhalb der eigenen Peergroups.</blockquote></p>
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		<title>Schulbibliothekspolitik mit den immer gleichen Argumenten machen?</title>
		<link>http://bildungundgutesleben.blogsome.com/2009/09/02/schulbibliothekspolitik-mit-den-immer-gleichen-argumenten-machen/</link>
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		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 23:34:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Karsten Schuldt</dc:creator>
		
	<category>Grundsätzliches</category>
	<category>Schule und Bibliothek / Schulbibliothek</category>
		<guid>http://bildungundgutesleben.blogsome.com/2009/09/02/schulbibliothekspolitik-mit-den-immer-gleichen-argumenten-machen/</guid>
		<description><![CDATA[	In der Juli/August-Ausgabe der BuB durfte die DBV-Epertengruppe &#8222;Bibliothek und Schule&#8220; wieder einmal einen Schwerpunkt zum Thema Schulbibliotheken ver&#246;ffentlichen. Und wieder einmal wurde dabei offensichtlich, dass es weder bei der Schulbibliothekspolitik, noch bei der Vorstellung, was in Deutschland Schulbibliotheken sind, noch bei den Ideen, wie Schulbibliotheken in Deutschland wirken und wie f&#252;r sie geworben werden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>In der Juli/August-Ausgabe der BuB durfte die <em><span class="caps">DBV</span>-Epertengruppe &#8222;Bibliothek und Schule&#8220;</em> wieder einmal einen Schwerpunkt zum Thema Schulbibliotheken ver&#246;ffentlichen. Und wieder einmal wurde dabei offensichtlich, dass es weder bei der Schulbibliothekspolitik, noch bei der Vorstellung, was in Deutschland Schulbibliotheken sind, noch bei den Ideen, wie Schulbibliotheken in Deutschland wirken und wie f&#252;r sie geworben werden k&#246;nnte &#8211; wenn man das den wollte &#8211; bei dieser Expertengruppe viel Realit&#228;tssinn vorhanden ist.<br />
Nichts soll damit gesagt sein gegen die Idee, dem <span class="caps">DBV</span> eine Institution anzugliedern, die sich um Schulbibliotheken und um die Arbeit von Schulen und Bibliotheken (beziehungsweise im Verst&#228;ndnis der Gruppe der Zusammenarbeit von Bibliotheken und Schulen, also mit dem Schwerpunkt auf Bibliotheken) k&#252;mmert. Und selbstverst&#228;ndlich hat auch diese Gruppe das Problem, dass ihre Arbeit von engagierten Ehrenamtlichen getragen wird, die immer im Vergleich zur gestellten Aufgabe immer viel zu wenige sind und die die notwendige Arbeit f&#252;r diese Gruppe neben vielen anderen T&#228;tigkeiten bew&#228;ltigen m&#252;ssen. Deshalb w&#228;re es auch ungerecht, von dieser Gruppe die gleiche Qualit&#228;t und Quantit&#228;t an Leistungen zu fordern, wie von Institutionen, die von Festangestellten betrieben werden.<br />
Das gesagt, ist es trotzdem notwendig, am Schwerpunkt in der BuB Kritik zu &#252;ben. Ganz offensichtlich schafft es diese Expertengruppe seit Jahren nicht, die Realit&#228;t in den deutschen Schulen wahr- und ernstzunehmen. Vielmehr herrscht &#8211; wie auch schon in der indirekten Vorg&#228;ngerorganisation<em> Beratungsstelle Schulbibliotheken</em> im <em>Deutschen Bibliotheksinstitut</em> &#8211; ein rein auf bibliothekarische Interessen bezogenes Verst&#228;ndnis von Schulbibliotheken vor, dass gerade nicht dazu beitr&#228;gt, die Schulbibliothekspolitik voranzubringen, die real in zahlreichen Schulbibliotheken in Deutschland geleistete Arbeit wahrzunehmen oder die Zusammenarbeit von Schulen und Bibliotheken zu unterst&#252;tzen. Was diese Haltung, welche sich beispielsweise dadurch ausdr&#252;ckt, dass es der Expertengruppe nicht wirklich gelingt, praktizierende P&#228;dagoginnen und P&#228;dagogen kontinuierlich in ihre Arbeit einzubinden, zudem verhindert, ist, realistische Konzepte f&#252;r Schulbibliotheken aus der Realit&#228;t im deutschen Bildungswesen heraus zu formulieren und damit &#8211; wie das ganz offensichtlich versucht wird &#8211; Werbung f&#252;r diese Einrichtungen in bibliothekarischen, schulischen und (bildungs-)politischen Zusammenh&#228;ngen zu machen. Vielmehr zeigen die Ver&#246;ffentlichungen der Expertengruppe &#8211; und damit auch der Schwerpunkt in der BuB &#8211; ein erstaunliches Ma&#223; an selbstbewusster Nabelschau, welche sich darin zu gen&#252;gend scheint, die immer gleichen (zumeist nicht ganz stimmigen) Argumente zu wiederholen, die Ehrenamtlichen in den Schulbibliotheken ungewollt, aber dennoch best&#228;ndig zu diskreditieren und den Wert des bibliothekarischen Wissens konsequent zu &#252;bersch&#228;tzen (und dass in einem Kontext wie der Schule, wo das p&#228;dagogische Personal daf&#252;r bekannt ist, potentielle Eingriffe in ihren Kompetenzbereich sehr schnell abzulehnen).<br />
Soll dies hei&#223;en, dass Schulbibliotheken unn&#246;tig oder sinnlos sind? Nein, sie k&#246;nnen sinnvolle Erg&#228;nzungen zum Angebot einer Schule, sowohl im Unterricht als auch im Freizeitbereich, darstellen. Soll das hei&#223;en, dass die Arbeit der Expertengruppe unn&#246;tig und falsch ist? Nicht unbedingt. Aber in ihrer jetzigen Form scheint sie kontraproduktiv und gerade gegen&#252;ber Aktiven au&#223;erhalb der Bibliothekswesens regelrecht anma&#223;end. Hei&#223;t das, um Schulbibliotheken voranzubringen m&#252;sste sich die Expertengruppe und deren Wahrnehmung der Realit&#228;t des deutschen Schulwesens radikal &#228;ndern? Ja, dass hei&#223;t es. Es soll gar nicht bestritten werden, dass die Expertinnen und Experten der Expertengruppe und das Personal in den ausgew&#228;hlten Schulbibliotheken, welche von der Expertengruppe akzeptiert und immer wieder einmal &#246;ffentlich vorgestellt werden, das, was sie tun, mit bestem Wissen und Gewissen tun und dabei sehr engagiert sind. Aber engagiert zu sein reicht nicht aus, um Recht zu haben.</p>

	<p><strong>Satzbausteine</strong><br />
Der Schwerpunkt in der BuB besteht aus einem theoretischen Text und vier Texten, welche &#252;ber Praxisbeispiele berichten. Deshalb steht zu vermuten, dass der theoretische Text, welcher zudem vom Vorsitzenden der Expertengruppe &#8222;Bibliotheken und Schule&#8220;, Ronald Schneider stammt [1], die Grundz&#252;ge dessen vorstellt, was sich die Expertengruppe &#8211; welche sich mehr oder minder als die deutsche Hauptinstanz verstehen, wenn es um Schulbibliotheken geht &#8211; als die k&#252;nftige Entwicklung der Schulbibliotheken in Deutschland vorstellt. [<em>Schneider, Roland (2009) / Neue Lernkultur und bibliotheksgest&#252;tzter Unterricht : Der Ausbau von Schulbibliotheken als Herausforderung f&#252;r das &#214;ffentliche Bibliothekswesen. &#8211; In: BuB 61 (2009) 7/8, S. 506-511</em>]<br />
Und gerade deswegen ist dieser Text so enervierend: folgt man ihm, dann hat sich die Position der Expertengruppe seit ihrer Gr&#252;ndung 2003 nicht um einen Deut ver&#228;ndert. Immer noch macht die Expertengruppe alles richtig, immer noch versteht die Politik einfach nur nicht, dass Schulbibliotheken die einzig relevanten Einrichtungen einer erfolgreichen Bildungsreform sind, und immer noch gilt, dass eine Schulbibliothek immer nur als solche bezeichnet werden darf, wenn sie von einer ausgebildeten Diplombibliothekarin oder einem Diplombibliothekar geleitet wird; ansonsten gilt sie der Expertengruppe nichts.<br />
Der gesamte Text ist zu gro&#223;en Teilen aus Textbausteinen zusammengesetzt, die sich teilweise w&#246;rtlich in fr&#252;heren Ver&#246;ffentlichungen finden. Aber Textbausteine zu wiederholen hei&#223;t halt nicht, dass sie wahrer werden.<br />
Schneider beginnt mit einem immer wieder bem&#252;hten Bild: &#8222;Im Vergleich zu fast allen anderen westlichen Industriel&#228;ndern ist Deutschland im Blick auf die Ausstattung der Schulen mit Schulbibliotheken [&#8230;] auf dem Stand eines Entwicklungslandes.&#8220; [<em>Schneider (2009), S. 506</em>] Abgesehen davon, dass heute die Begrifflichkeit &#8222;Entwicklungsland&#8220; eher vermieden wird, weil sie normativ ein Wirtschaftssystem als erstrebenswert voraussetzt, ist dieses Bild schon oft in Texten zu Schulbibliotheken erschienen und trotzdem falsch. Der Sinn ist leicht ersichtlich: es wird behauptet, dass jedes Land, dass etwas auf sich halten w&#252;rde, Schulbibliotheken br&#228;uchte. Und nur Deutschland w&#252;rde dabei ausscheren, was per se schlecht und zu bek&#228;mpfen sei. Selbst wenn man akzeptieren w&#252;rde, dass man sich bei diesem Vergleich auf Industriestaaten beschr&#228;nken sollte (was nicht notwendig ist, haben doch auch andere Staaten ein Schulbibliothekssystem), ist erst einmal die Aussage falsch. Auch solches Staaten wie Japan, Belgien, Luxemburg oder Spanien haben kein ausgebautes Schulsystem. Das h&#228;lt sie aber ebenso wie Deutschland nicht davon ob, funktionierende Schulen zu haben.<br />
Das Argument unterschl&#228;gt auch, dass alle Staaten ein eigenes Schulsystem haben. Gerade das deutsche Schulsystem mit seiner Lehrbuchzentrierung, fr&#252;hzeitigen Separation der Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler in Leistungsstufen und dem immer noch in hohem Ma&#223;e gegen jede Inklusion wirkenden Sonderschulwesen, ist eines, dass nur wenig mit anderen Staaten zu vergleichen ist. Wenn Schneider &#8211; und andere &#8211; mit dem Bild vom &#8222;Schulbibliotheks-Entwicklungsland Deutschland&#8220; suggerieren wollen, dass jedes erfolgreiche Schulsystem automatisch Schulbibliotheken braucht und die vorgebliche Bildungskrise in den deutschen Schulen daher r&#252;hrt, dass es nur wenige Schulbibliotheken gibt, dann ist das einfach nur falsch. Der Ausbau oder Nicht-Ausbau eines Schulbibliothekssystems sagt wenig bis gar nichts &#252;ber die Qualit&#228;t eines Schulsystems aus. Deshalb ist auch das Bild vom Entwicklungsland grundfalsch. Es gibt keine &#8222;Krise&#8220;, weil zu wenig Schulbibliotheken finanziert werden. Vielmehr scheint es Schulsysteme zu geben, die Schulbibliotheken als elementar ansehen und Schulsysteme, die keine Schulbibliotheken fordern und / oder sie als besondere Einrichtungen behandeln. [2]</p>

	<p>Aber dieses Bild ist nur der Anfang des Textes. Weiter bedauert auch Schneider &#8211; wieder einmal &#8211;, dass Schulbibliotheken in Deutschland zumeist nicht von bibliothekarisch ausgebildetem Personal gef&#252;hrt werden. Das mag man im Rahmen eines Berufsverbandes bedauern, weil das die Aufgabe eines Berufsverbandes ist. Als Expertengruppe m&#252;sste man aber erstens wahrnehmen, welche Arbeit von diesem nicht-bibliothekarischen Personal geleistet wird, anstatt dieses einfach abzukapseln. Und weiterhin m&#252;sste man als Expertengruppe &#8211; wenn man es wichtig findet, dass Schulbibliotheken mit bibliothekarischem Personal ausgestattet werden &#8211; in der Lage sein zu sagen, was dieses Personal relevant anders machen w&#252;rde und was dies der jeweiligen Schule bringen w&#252;rde. So, wie die meisten Schulbibliotheken in Deutschland r&#228;umlich und finanziell ausgestattet sind, w&#252;rde h&#246;chstwahrscheinlich auch eine Super-Bibliothekarin wenig anders machen k&#246;nnen, als das jetzige Personal. Und deswegen m&#252;sste eine Expertengruppe mit und &#252;ber diese nicht-bibliothekarisch gef&#252;hrten Schulbibliotheken reden und sie nicht einfach als &#8222;Wildwuchs&#8220; [<em>Schneider (2009), S. 510</em>] diskreditieren. [3]<br />
<blockquote>Die Konsequenzen hieraus [aus der Situation der Schulbibliotheken, K.S.] sind nicht nur fehlende schulische Medien- und Informationszentren sowie didaktisch kontraproduktive schulische B&#252;chersammlungen, sondern &#8211; in unmittelbarer Konsequenz daraus &#8211; das Abschieben der Lesef&#246;rderung und fach&#252;bergreifender Lernziele wie der Lese-, Medien- und Informationskompetenz auf ein unterrichtliches Nebengleis. Eine erst auf den zweiten Blick sichtbare, weil mittelbare Konsequenz ist die indirekte F&#246;rderung veralteter oder didaktisch defizit&#228;rer Lehr- und Lernformen, allem voran des klassische Frontalunterrichts mit f&#252;r alle Sch&#252;ler gleich g&#252;ltigen Curricula und normierten Lernb&#252;chern. [Schneider (2009), S. 506]</blockquote><br />
Dieser Abschnitt zeigt, wie &#252;bertrieben bipolar sich offenbar in der Expertengruppe die jetzige Schulrealit&#228;t und die Wirkung einer Schulbibliothek vorgestellt wird. Zwar ist diese Zuspitzung neu, aber die Grundtendenz dieser Argumentation findet sich auch in &#228;lteren Texten zu Schulbibliotheken. Es wird ohne jede weitere Begr&#252;ndung behauptet, dass die Schule heute (immer noch) eine Einrichtung sei, die nur mit Lehrb&#252;chern arbeiteen, haupts&#228;chlich zum Auswendiglernen animieren und auf Frontalunterricht setzen w&#252;rde. Zudem sei sie nicht in der Lage, &#252;bergreifende Lernziele zu verfolgen. Hingegen w&#252;rde die Schulbibliothek dies alles &#228;ndern und zwar nur zum Guten.<br />
Es ist reichlich erstaunlich, dass &#252;berhaupt noch P&#228;dagoginnen und P&#228;dagogen mit der Expertengruppe kommunizieren, denn diese Darstellung des heutigen Schulunterrichts und Schulalltags ist &#8211; bei aller Kritik, die man am Schulwesen haben kann und muss &#8211; eine Beleidigung. Sie hat mit der Realit&#228;t in Schulen wenig zu tun. Viel Interessanter ist hier allerdings, dass die Behauptung, eine Schulbibliothek w&#252;rde den Ausweg aus einer so beschriebenen schlechten Schule liefern, durch nichts weiter gedeckt ist, als &#8230; vielleicht die Hoffnung der Expertengruppe selber. Eine Schulbibliothek kann sehr wohl dazu beitragen, einen besseren Unterricht zu erm&#246;glichen, aber nur in eine relativ gut funktionierenden Schule. Eine Schule, die so sehr gescheitert ist, wie das im Zitat angedeutet wird, braucht etwas g&#228;nzlich anderes, als nur eine Schulbibliothek.<br />
Aber eine solche &#220;bertreibung angeblicher Effekte von Schulbibliotheken herrscht bei der Expertengruppe vor. Was auch immer als Problem der deutschen Schulen beschrieben wird: best&#228;ndig wird behauptet, dass dieses durch Schulbibliotheken zu l&#246;sen sei. Der Effekt solcher durch nichts untermauerten Behauptungen ist selbstverst&#228;ndlich der, dass die Aussagen zu Schulbibliotheken von immer weniger Menschen ernst genommen werden. Diese st&#228;ndigen &#220;bertreibungen machen Schulbibliotheken unglaubw&#252;rdig, verstellen den Weg, die tats&#228;chlichen Effekte von Schulbibliotheken zu untersuchen und diese Einrichtungen mit ihren Grenzen sinnvoll in den Schulalltag zu integrieren.</p>

	<p>Anschlie&#223;end f&#228;hrt der Text mit einem im Bibliothekswesen oft angewandten, aber auch leicht zu durchschauenden Trick fort. Er behauptet einen &#8222;Blick &#252;ber die Grenzen&#8220; zu wagen, nennt dann aber nur solche Staaten, (beziehungsweise Bundesstaaten), die der eigenen Argumentation zutr&#228;glich sind und ignoriert diejenigen m&#246;glichen Beispiele, die zeigen k&#246;nnten, dass es gerade keine internationale Entwicklung gibt, der Deutschland hinterherhinken w&#252;rde und der man jetzt sofort unter Strafe des Untergangs nachfolgen m&#252;sste; sondern dass es vielmehr sehr unterschiedliche Entwicklungen gibt, ohne dass dies unbedingt eine Bedeutung f&#252;r Deutschland haben muss. Auch hier stellt sich schnell die Frage nach der Glaubw&#252;rdigkeit der Argumentation, wenn noch nicht einmal die Kriterien benannt werden, nach denen die genannten Beispiele ausgew&#228;hlt wurden. Warum Deutschland immer wieder mit S&#252;dtirol und D&#228;nemark vergleichen? Warum zum Beispiel nicht mal Deutschland mit Luxemburg, einem sehr reichen Land ohne nennenswertes Schulbibliothekswesen, vergleichen?</p>

	<p>Der restliche Text l&#228;sst sich, obwohl er noch einige Seite weiter geht, wie folgt zusammenfassen: wir (die Expertengruppe) machen gute Arbeit, Schulbibliotheken werden quasi jedes Problem l&#246;sen, dass sich im Schulsystem stellt, au&#223;er man h&#246;rt nicht auf uns und gibt uns nicht mehr Stellen. Immer wieder z&#228;hlt Schneider angebliche oder tats&#228;chliche Entwicklungen und Diskussionen im Bildungswesen auf, nur um dann zu sagen, dass das eine Aufgabe von Schulbibliotheken sei. Abgesehen davon, dass er bestimmte bildungspolitische Entwicklungen, die schon vor 2000 zu beobachten waren, den <span class="caps">PISA</span>-Studien zuschreibt, verweigert er auch die ganze Zeit konsequent, zu erl&#228;utern, warum gerade Schulbibliotheken jeweils die einzige L&#246;sung darstellen w&#252;rden. Und das macht den gesamten Text unglaubw&#252;rdig, bei aller Sympathie, die man f&#252;r diese Einrichtungen haben kann.<br />
Interessant ist auch, dass er behauptet, dass trotz aller Schwierigkeiten immer bessere Arbeit f&#252;r Schulbibliotheken geleistet wird. Allerdings meint er damit nicht etwa die Abschlussarbeiten, die in den letzten Jahren erschienen sind (von denen er indirekt behauptet, dass sie nicht als relevant zu erachten seien, Seite 510), auch nicht die Arbeit der Ehrenamtlichen in Schulbibliotheken, es sei den, sie wurden von Bibliothekarinnen oder Bibliothekaren angeleitet (ansonsten nennt er sie &#8222;Wildwuchs&#8220;, Seite 510) oder die Arbeit der Institutionen, die in diesem Jahr einen berlin-brandenburgischen, eine schleswig-holsteinischen und einen bayerischen Schulbibliothekstag organisiert haben (die erw&#228;hnt er gar nicht) &#8211; nein, er setzt einfach die Arbeit der Expertengruppe mit Fortschritten im Bereich Schulbibliotheken gleich. Dabei gibt es gar keine richtige Evaluation dieser Arbeit, sondern einfach nur die Behauptung, dass sie gut w&#228;re. Das l&#228;sst sich aber auch bezweifeln. Beispielsweise hebt Schneider das Online-Portal www.schulmediothek.de als Anlaufstelle f&#252;r alle Themen rund um die Schulbibliothek hervor. Schaut man aber einmal auf diese Seite, bemerkt man sehr schnell, dass sie nur ein wenig gef&#252;llter Anfang eines Portals darstellt, aber keine ausreichende Informationsquelle f&#252;r die Arbeit in Schulbibliotheken. Genauso kann man bezweifeln, ob die Ver&#246;ffentlichungen, die Schneider hervorhebt (S. 511) tats&#228;chlich eine Breitenwirkung haben.<br />
Um es noch einmal zu sagen: Schulbibliothek k&#246;nnen eine Rolle in den einzelnen Schulen spielen und zu einem besseren Unterricht oder Schulalltag beitragen. Die Arbeit in der Expertengruppe &#8222;Schule und Bibliothek&#8220; wird ehrenamtlich und engagiert betrieben. Aber all das bedeutet nicht, dass es sinnvoll oder rechtens w&#228;re, ohne jede Begr&#252;ndung Schulbibliotheken als Allheilmittel jeder Bildungsmisere darzustellen; es bedeutet auch &#252;berhaupt nicht, dass man, ohne es begr&#252;nden zu k&#246;nnen, behaupten darf, dass all die Ehrenamtlichen in den Schulbibliotheken &#8211; egal ob sie von der Ausbildung her Bibliothekarinnen / Bibliothekare, Lehrerinnen / Lehrer oder irgendetwas anderes sind &#8211; als &#8222;Wildwuchs&#8220; bezeichnet werden d&#252;rften oder das man deren Existenz als Bedrohung f&#252;r die Schul- und Bibliotheksqualit&#228;t darstellen darf, nur weil man einen berufsst&#228;ndischen Verband vertritt. Vielleicht ist es noch einmal notwendig, daran zu erinnern: wie Schulbibliotheken in Deutschland tats&#228;chlich funktionieren, was sie f&#252;r die jeweiligen Schulen tun oder tun k&#246;nnten, was ihre Verbindung zum Unterricht ist &#8211; all das wissen wir nicht. Niemand. Es gibt dazu keine Forschung, nur Ans&#228;tze und Anekdoten. Aber es gibt keine Daten, auf denen Schneider (und andere) ihre Behauptungen von der Allwirksamkeit bibliothekarisch gef&#252;hrter Schulbibliotheken aufbauen k&#246;nnten. Dieser ganze Text &#8211; der offenbar Ausdruck eine prinzipiellen Haltung der Expertengruppe ist &#8211;  tr&#228;gt nur dazu bei, dass sich ernsthaft an Schulbibliotheken Interessierte weniger gerne an diese Expertengruppe wenden werden. Was diese Gruppe vertritt, sind nicht die Interessen von Schulbibliotheken, sondern die Interssen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren gegen&#252;ber Schulen. Das geschieht nicht aus b&#246;ser Absicht, aber es ist doch kontraproduktiv.<br />
Wenn Schneider am Ende seines Textes postuliert:<br />
<blockquote>Die Bibliotheksverb&#228;nde m&#252;ssen gemeinsam mit Schulministerien und den Lehrerausbildungs- und -fortbildungseinrichtungen darauf hinwirken, dass die M&#246;glichkeiten und Chancen &#8222;bibliotheksgest&#252;tzten Lernens&#8220; k&#252;nftig zum p&#228;dagogischen Grundwissen geh&#246;rt[,] [Schneider (2009), S. 511]</blockquote><br />
dann ignoriert er, dass er selber und die gesamte Expertengruppe (und die Vorl&#228;uferorganisation) es bisher vers&#228;umt haben, klarzustellen, was dieses &#8222;bibliotheksgest&#252;tzte Lernen&#8220; sein soll, was es hervorbringen soll und warum sich jemand daf&#252;r einsetzen sollte. Es wird einfach postuliert, dass es wichtig ist. Aber bei allem Verst&#228;ndnis daf&#252;r, dass man Schul- und andere Bibliotheken wichtig findet: Ein Postulat bleibt ein Postulat, egal wie oft es wiederholt wird. [4]<br />
Seit Jahren ver&#228;ndert sich das deutsche Schulbibliothekswesen nur langsam und dies zumeist aufgrund des Engagements von Einzelpersonen vor Ort in den Schulen. Allzuviel scheint die Arbeit der Expertengruppe &#8222;Bibliothek und Schule&#8220; nicht vorangebracht zu haben, was gerade deshalb zu bedauern ist, weil diese Gruppe tats&#228;chlich kontinuierlich gearbeitet hat. Aber anstatt daraus zu lernen, dass die best&#228;ndig bedienten Argumente und Textbausteine offenbar keine nachhaltige Wirkung haben, werden sie in diesem, Schwerpunkt einfach noch einmal wiederholt.</p>

	<p><strong>Beispiele</strong><br />
Neben dem Text von Schneider enth&#228;lt der Schwerpunkt nur noch Texte zu Beispielbibliotheken. Es wird nicht klar, wieso gerade diese Beispiele ausgew&#228;hlt wurden und nicht andere, aber es wird auch bei dieser Auswahl klar, dass eine Schulbibliothek offenbar &#8211; im Gegensatz zur Praxis in den meisten Schulbibliotheken &#8211; nur dann von der Expertengruppe ernst genommen wird, wenn dort eine bibliothekarisch ausgebildete Fachkraft arbeitet.<br />
Interessanterweise widersprechen aber selbst diese Beispiele einigen Grundannahmen der &#8222;Expertengruppe Bibliothek und Schule&#8220; &#252;ber Schulbibliotheken, die Schneider im ersten Text postuliert. So unterscheiden sich alle diese Bibliotheken fundamental, folgen keinen klaren Standards und funktionieren dennoch im Rahmen ihrer jeweiligen Schule. (So ist es &#252;brigens auch bei vielen Schulbibliotheken, die nicht bibliothekarisch betreut werden.) Es wird angesichts dieser Beispielen &#252;berhaupt nicht klar, warum Schneider unbedingt Standards und einheitliche Ausbildungen fordert, wenn doch jede Schule &#8211; so zumindest die Forderung der aktuellen Bildungspolitik &#8211; anders ist und somit auch jede Schulbibliothek, wenn sie denn existiert.<br />
So stellt Jana Haase [<em>Haase, Jana (2009) / Recherche und Literaturbeschaffung als Bestandteil des Unterrichts : Die Fachbibliothek des Berufsausbildungszentrums Lette-Verein in Berlin. &#8211; In: BuB 61 (2009) 7/8, S. 508</em>] die Arbeit der Bibliotheken einer Berufsschule in Berlin vor und zeigt, dass es m&#246;glich ist, die Bibliothek in den Unterricht zu integrieren, wenn man genau auf die Erfordernisse der Unterrichts zugeschnittene Angebote macht. Dieser Zuschnitt bedeutet allerdings auch, dass man &#252;ber die Grenzen dieser Arbeit wei&#223;: man kann den Unterricht unterst&#252;tzen, aber nicht ihn allein durch die Bibliothek reformieren.<br />
Franziska Sievert stellt eine &#8222;Vorzeigebibliothek&#8220; vor, die aus einem Bundesf&#246;rderprogramm finanziert wurde. [<em>Sievert, Franziska (2009) / Medienkompetenz f&#252;r alle Sch&#252;ler : F&#246;rderprogramme an der Kooperative Gesamtschule Schneverdingen. &#8211; In: BuB 61 (2009) 7/8 , S. 512-514</em>] Sie zeigt, dass man mit gen&#252;gend Geldmitteln auch in der Lage ist, eine gro&#223;e Bibliothek aufzubauen, die neben dem &#8222;normalen&#8220; Bibliotheksbetrieb Veranstaltungen anbieten und elektronische Kataloge aufbauen kann. Auch diese Bibliothek ist mit viel Engagement aufgebaut worden. Allerdings ist es auch etwas absurd, weil in den letzten Jahrzehnten Dutzende, vielleicht auch mehr solcher Vorzeige- und Projektbibliotheken in deutschen Schulen aufgebaut wurden (von einer ganzen Anzahl wurde sogar in der BuB selber berichtet). Die Idee ist immer die gleiche: man baut eine oder einige wenige gut ausgestattete Schulbibliotheken auf und diese sollen dann andere Schulen dazu motivieren, ebenso solche Bibliotheken aufzubauen. Die Idee selber mag nicht falsch sein, aber es ist doch erstaunlich, wie wenig diese Projektbibliotheken tats&#228;chlich zu wirken scheinen: sie verschwinden oft sehr schnell wieder, ohne wirkliche Eindruck zu hinterlassen. Und statt aus dem Ende zahlreicher dieser Modelleinrichtungen zu lernen, werden dann &#8211; wie in Schneverdingen &#8211; wieder neue Bibliotheken mit dem gleichen Ziel errichtet.<br />
[Die Bibliothek, &#252;ber die Sievert berichtet, ist &#252;brigens jetzt (wo die Autorin ihre Karriere vorangetrieben und die Stelle gewechselt hat) auf der Homepage der Gesamtschule, die ansonsten sehr detailliert ist, nicht zu finden.]<br />
Auch der darauf folgende Text von Effi Schumacher und Heidrun Littmann, die eine Schulbibliothek in einer Grundschule in Biberach an der Ri&#223; vorstellen [<em>Schumacher, Effi ; Littmann, Heidrun (2009) / F&#246;rderung von Lese-, Informations- und Medienkompetenz in der Grundschule : Ein Modellprojekt in Biberach an der Ri&#223;. &#8211; In: BuB 61 (2009) 7/8, S. 515-518</em>], widerspricht indirekt dem Eingangstext von Ronald Schneider. Die Bibliothek, die hier in Zusammenarbeit mit der &#246;rtlichen Stadtb&#252;cherei aufgebaut wurde, ist n&#228;mlich gerade nicht daf&#252;r da, den gesamten Unterricht zu revolutionieren oder f&#252;r jeden Themenbereich eine L&#246;sung anzubieten, wie dies Schneider impliziert. Vielmehr ist sie genau den Anforderungen der Schule angepasst: Sie vermittelt zuv&#246;rderst das Lesen und den Umgang mit Kommunikationsmitteln. Alles andere ist zweitrangig. Das ist eine sinnvolle Beschr&#228;nkung auf die lokal m&#246;gliche bibliothekarische Arbeit &#8211; n&#228;mlich auf die Unterst&#252;tzung der Schule bei ihrer Literarisierungsarbeit. Anstatt sich also hinter &#252;bertriebenen Anspr&#252;chen zu verstecken, wurde diese Bibliothek offenbar f&#252;r einen wichtigen, aber eingegrenzten Arbeitsbereich entworfen und errichtet.<br />
Der letzte Text der Ausgabe ist dann eher ein Hinweis darauf, wie separiert das deutsche Schulwesen bislang schon ist. Birgit Dankert beschreibt die Renovierung und Arbeit einer Schulbibliothek in einem offenbar viel zu reichen Gymnasium in Hamburg. [<em>Dankert, Birgit (2009) / &#8222;Und sie bewegt sich doch&#8230;&#8220; : Bibliotheca Johannei: Die neue Schulbibliothek der Gelehrtenschule des Johanneums in Hamburg. &#8211; In: BuB 61 (2009) 7/8, S. 519-521</em>] Der Bestand dieser Bibliothek enthielt schon lange vor der Renovierung 2008 historische Best&#228;nde &#8211; unter anderem eine gerne angef&#252;hrte Bibel von 1491 &#8211;, die so in keiner &#214;ffentlichen Bibliothek zu finden sein werden. Der Umbau (nicht etwa ein Neuaufbau einer Bibliothek, sondern einzig der Umbau) dieser Bibliothek und die Digitalisierung historischer Buchbest&#228;nde kostete rund eine halbe Millionen Euro, welche haupts&#228;chlich aus Spenden ungenannter M&#228;zen und der Zeit-Stiftung aufgebracht wurden. Dieser Bibliothek geht es gut. Mehr noch als bei allen anderen Beispieltexten, fragt man sich, was dieser Text lehren soll. Das es eine Unversch&#228;hmtheit ist, wie reich einige Schulen sind, w&#228;hrend andere ihre Schulbibliotheken nicht einmal mit einem regelm&#228;&#223;igen Etat ausstatten oder ein Musikzimmer einrichten k&#246;nnen? Dass die Segregation des deutschen Schulwesens auch in den Schulbibliotheken wieder zu finden ist?</p>

	<p>Diese Beispiele stehen im Schwerpunkt relativ unvermittelt nebeneinander. Sie zeigen vielleicht, dass an vielen Orten vielen Menschen versuchen, gute und engagierte Schulbibliotheksarbeit zu machen. Aber gerade durch die Konzentration auf Bibliotheken, die bibliothekarisch geleitet sind &#8211; was in Deutschland eher die Ausnahme als die Regel zu sein scheint &#8211; ist die Beispielhaftigkeit der genannten Bibliotheken mehr als eingeschr&#228;nkt. Dieser BuB-Schwerpunkt wird weder dazu beigetragen haben, dass neue Schulbibliotheken entstehen, noch dass die Vorhandenen sich st&#228;rker vernetzen.</p>


	<p><blockquote><strong>Fu&#223;noten:</strong><br />
[1] Zumindest laut dem Text in der BuB. Die offizielle Hompepage der Expertengruppe beim dbv f&#252;hrt Birgit L&#252;cke als Vorsitzende.<br />
[2] Was gerade nicht hei&#223;en soll, dass Schulbibliotheken nicht die Qualit&#228;t des Unterrichts in einer Schule verbessern k&#246;nnten. Das k&#246;nnten sie sehr wohl, aber nicht, wenn man versucht, sie mit Katastrophenbildern einzufordern, wie das Schneider tut, sondern, wenn man sie den Anforderungen der jeweiligen Schule entsprechend entwickelt, beitreibt und nutzt.<br />
[3] &#8222;Wildwuchs&#8220; wird in diesen Zusammenhang als negative Bezeichnung verwendet. W&#252;rde man &#8211; was im Rahmen der Schulautonomie logisch w&#228;re &#8211; die Diversit&#228;t der Schulbibliotheken als Vorteil akzeptieren, k&#246;nnte man Wildwuchs auch positiv verstehen.<br />
[4] Zumal auch dieser Text schon wieder den Sinn von Schulbibliotheken darauf reduziert, Lehreinrichtungen zu sein oder das Lernen in Schulen zu unterst&#252;tzen. Selbstverst&#228;ndlich wird das eine gro&#223;e Rolle spielen, aber es war und ist nie der einzige Grund, warum Schulbibliotheken etwas zum Schulalltag beitragen k&#246;nnen. Sie k&#246;nnen ebenso Aufenthalts- und Freizeitort sein oder ein Raum ohne Zensurendruck. Sie k&#246;nnen auch als potentielle Wissensquelle existieren, die schon durch ihre Existenz anzeigt, dass es ein &#252;ber die Schule hinausgehendes Wissen gibt, dass man nicht  im schulischen Sinne, sondern aus Interesse lernen k&#246;nnte. Und es gibt noch andere m&#246;gliche Rollen, die f&#252;r einzelne Schulbibliotheken zutreffen k&#246;nnten. Sie nur auf Bildung zu reduzieren, wird der Realit&#228;t nicht gerecht.</blockquote></p>
 ]]></content:encoded>
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	</item>
		<item>
		<title>Mit Evidence Based Librarianship gegen die Forschungs-Praxis-Lücke?</title>
		<link>http://bildungundgutesleben.blogsome.com/2009/08/29/mit-evidence-based-librarianship-gegen-die-forschungs-praxis-lucke/</link>
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		<pubDate>Sat, 29 Aug 2009 10:00:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Karsten Schuldt</dc:creator>
		
	<category>Grundsätzliches</category>
	<category>Forschungsansätze</category>
	<category>Evaluation und Empirie</category>
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		<description><![CDATA[	Wolfgang G. Stock berichtet in einem kurzen Text in der aktuellen Bibliotheksdienst &#252;ber die letzte Evidence Based Library &#38; Information Practice Conference in Stockholm. [Stock, Wolfgang G. (2009) / Evidenzbasierte Bibliotheks- und Informationspraxis : EBLIP5, Stockholm, 2009. &#8211; In: Bibliotheksdienst 43 (2009) 8/9, S. 902-908]. Dies scheint der erste &#8211; und wenn nicht, dann einer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>Wolfgang G. Stock berichtet in einem kurzen Text in der aktuellen <em>Bibliotheksdienst</em> &#252;ber die letzte <em>Evidence Based Library &#38; Information Practice Conference</em> in Stockholm. [<em>Stock, Wolfgang G. (2009) / Evidenzbasierte Bibliotheks- und Informationspraxis : <span class="caps">EBLIP5</span>, Stockholm, 2009. &#8211; In: Bibliotheksdienst 43 (2009) 8/9, S. 902-908</em>]. Dies scheint der erste &#8211; und wenn nicht, dann einer der ersten &#8211; deutschsprachigen Text zum Evidence Based Librarianship (EBLS) zu sein. [1] Deshalb ist Stock auch gen&#246;tigt, &#252;berhaupt das Konzept einzuf&#252;hren.<br />
Allerdings folgt auch er ohne Not der Unsitte, englische Begrifflichkeiten, die nicht mit ihrem gesamten relevanten Bedeutungsinhalt &#252;bersetzt werden k&#246;nnen, trotzdem ins Deutsche zu &#252;bersetzen. Seine eins-zu-eins-translation zu &#8222;Evidenzbasierte Bibliotheks- und Informationspraxis&#8220; unterschl&#228;gt deshalb leider den Zusammenhang des Begriffes Evidence &#8211; der im Englischen weit gebr&#228;uchlicher ist, als dass Deutsche &#8222;Evidenz&#8220; &#8211; mit der Vorstellung, Menschen Wahlm&#246;glichkeiten zu er&#246;ffnen (having a choice) und die M&#246;glichkeit zu geben, Ihre gesellschaftliche Umwelt zu beeinflussen (make a difference). W&#228;hrend das <span class="caps">EBLS</span> als Praxis im Englischen in einem engen Zusammenhang zur Gestaltung der Gesellschaft und der Betonung der Individualit&#228;t steht, wird in der Darstellung von Stock dieser Bedeutungszusammenhang unterschlagen. Das ist deshalb relevant, weil meines Erachtens das wirklich Interessante an der <span class="caps">EBLS</span>-Bewegung ist, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare sich als mit ihrer Arbeit gesellschaftlich aktiv verorten und (Forschungs-)Fragen stellen, die f&#252;r die lokale und die gesamte Gesellschaft relevant sind. Bei Stock hingegen wird die <span class="caps">EBLS</span> zu einer Praxis der Verwaltung von Bibliotheken &#8211; was sie auch sein kann, aber gerade nicht ausschlie&#223;lich ist.<br />
Nichtsdestotrotz ist die Einf&#252;hrung von Stock zu empfehlen, gerade weil sie kurz und knapp eine grundlegende Darstellung des <span class="caps">EBLS</span> bietet. <span class="caps">EBLS</span> ist ein Praxis, in der Bibliotheken sich selber die Definitionsmacht &#252;ber die Entscheidungen, welche die langfristige Strategie ihrer Organisationsentwicklung betreffen, zuschreiben und sich in einem geordneten Prozess daran machen, zu untersuchen, welche Instrumente zur L&#246;sung welcher Problemstellungen oder einfach zur Verbesserung ihrer Arbeit erfolgversprechend sind. Dazu untersuchen sie die im Begriff <span class="caps">EBLS</span> angesprochen Evidence, sie fragen also, ob Instrumente Effekte haben und wenn ja, welche und in welchem Ma&#223;e. Diese Effekte werden dann f&#252;r Entscheidungen &#252;ber die Organisationsentwicklung der Bibliotheken genutzt.<br />
Stock w&#228;hlt aus mehreren konkurrierenden Prozessdarstellungen, die f&#252;r die <span class="caps">EBLS</span> vorliegen, eine zehnstufige aus, die er am sinnvollsten h&#228;lt. Folgend die zehn Stufen (Seite 902-903, mit erl&#228;uternder Skizze auf Seite 903):<br />
<ol></p>
	<p><li>Frage formulieren (z.B. Wie nutzen unseren Nutzerinnen und Nutzern die Selbstlernbereiche?, Wie wird unser Bestandsaubau wahrgenommen?, Wie nutzen Jugendliche unsere Bibliothek?)</li><br />
<li>Suche nach Evidenz (Quellenrecherche in bibliothekarischen/bibliothekswissenschaftlichen Studien und Statistiken, aber auch in angrenzenden Themenbereichen, eventuell eigene Forschung)</li><br />
<li>Kritische Bewertung der Quellen</li><br />
<li>Entscheidung (Organisationsentwicklung, Projekte etc.)</li><br />
<li>Evaluation (Gesamtprozess)</li><br />
<li>Ist die richtige Entscheidung getroffen worden? (rekursive Evaluation)</li><br />
<li>Wurde die Evidenz korrekt bewertet? (rekursive Evaluation)</li><br />
<li>War die eigenen Forschung derart erfolgreich, dass sie die passende Evidenz erbrachte?</li><br />
<li>Ist &#252;berhaupt richtig recherchiert worden?</li><br />
<li>Wurde zu Beginn die richtige Frage gestellt?</li><br />
</ol></p>
	<p>Bei Punkt 2 und 8 w&#252;rde ich Stock zum Teil widersprechen. Er stellt es so dar, als w&#252;rde eine eigenst&#228;ndige Forschung durch Bibliothekarinnen und Bibliothekare im Rahmen des <span class="caps">EBLS</span> eine Ausnahme darstellen, die dann greift, wenn anderweitig keine Quellen gefunden werden k&#246;nnen, um die gestellten Fragen zu beantworten. Schaut man aber die englisch-sprachige Literatur zum <span class="caps">EBLS</span> durch, scheint es eher so zu sein, als w&#228;re das herausragend Neue gerade das Bibliothekarinnen und Bibliothekare eigenst&#228;ndig im Rahmen ihrer Bibliothek forschen und dabei Forschungsfragen stellen, die sich an der Realit&#228;t ihrer Einrichtung orientieren (und beispielsweise weniger an den W&#252;nschen der Verwaltung).<br />
So oder so wertet Stock die <span class="caps">EBLS</span> als M&#246;glichkeit, auch in Deutschland eine von ihm (und zahlreichen anderen) postulierten Forschungs-Praxis-L&#252;cke zwischen bibliothekarischer Praxis und Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu &#252;berwinden, wie dies zum Teil auch in anderen L&#228;ndern gelungen sei. Dem ist zuzustimmen.</p>

	<p><blockquote><br />
Fu&#223;note<br />
[1] (Some shameless self-promotion) But watch out for my forthcoming Doktorarbeit, Kapitel 3.3.<br />
</blockquote></p>
 ]]></content:encoded>
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	</item>
		<item>
		<title>Verteidigung der Promotion</title>
		<link>http://bildungundgutesleben.blogsome.com/2009/08/28/verteidigung-der-promotion/</link>
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		<pubDate>Thu, 27 Aug 2009 23:50:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Karsten Schuldt</dc:creator>
		
	<category>Grundsätzliches</category>
	<category>Fortschritt</category>
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		<description><![CDATA[	Es hat seine Zeit gedauert, aber jetzt ist alles geregelt und ein Termin f&#252;r die Verteidung meiner Promotion &#8220;Bibliotheken als Bildungseinrichtungen. Bestimmung der Effekte von Bildungsaktivit&#228;ten im Rahmen &#214;ffentlicher Bibliotheken unter dem Fokus Sozialer Gerechtigkeit. Entwurf eines bibliothekswissenschaftlichen konzeptionellen Forschungsrahmens&#8221; festgelegt.

	Die Verteidung wird am Mittwoch, den 18. November 2009, von 10.00 bis 12.00 Uhr am [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>Es hat seine Zeit gedauert, aber jetzt ist alles geregelt und ein Termin f&#252;r die Verteidung meiner Promotion &#8220;<em>Bibliotheken als Bildungseinrichtungen. Bestimmung der Effekte von Bildungsaktivit&#228;ten im Rahmen &#214;ffentlicher Bibliotheken unter dem Fokus Sozialer Gerechtigkeit. Entwurf eines bibliothekswissenschaftlichen konzeptionellen Forschungsrahmens</em>&#8221; festgelegt.</p>

	<p>Die Verteidung wird am Mittwoch, den 18. November 2009, von 10.00 bis 12.00 Uhr am <em>Institut f&#252;r Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt Universit&#228;t zu Berlin</em> (Dorotheenstra&#223;e 26, Berlin), Raum 3e statt finden.  Sie ist &#246;ffentlich, also wenn irgendwer vorbei kommen will&#8230; gerne doch.</p>
 ]]></content:encoded>
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	</item>
		<item>
		<title>Was man alles unter dem Titel „Lebenslanges Lernen“ verhandeln kann</title>
		<link>http://bildungundgutesleben.blogsome.com/2009/08/16/p135/</link>
		<comments>http://bildungundgutesleben.blogsome.com/2009/08/16/p135/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2009 11:59:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Karsten Schuldt</dc:creator>
		
	<category>Grundsätzliches</category>
	<category>Recht und Bürokratie</category>
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		<description><![CDATA[	Das Hauptanliegen der Open-Access-Zeitschrift bildungsforschung ist es, interdisziplin&#228;re Zug&#228;nge zum Thema Bildung miteinander zu verbinden und die Breite der Diskussionen um Bildung darzustellen. Einerseits hei&#223;t dass, Einzeldisziplinen der Erziehungswissenschaften, die ansonsten sehr aneinander vorbei arbeiten, in einem Heft gleichwertig zu Wort kommen zu lassen. Andererseits geht es auch darum, Wissenschaften, die sich neben den Erziehungswissenschaften [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>Das Hauptanliegen der Open-Access-Zeitschrift <em><a href="http://bildungsforschung.org/" target="_blank">bildungsforschung</a></em> ist es, interdisziplin&#228;re Zug&#228;nge zum Thema Bildung miteinander zu verbinden und die Breite der Diskussionen um Bildung darzustellen. Einerseits hei&#223;t dass, Einzeldisziplinen der Erziehungswissenschaften, die ansonsten sehr aneinander vorbei arbeiten, in einem Heft gleichwertig zu Wort kommen zu lassen. Andererseits geht es auch darum, Wissenschaften, die sich neben den Erziehungswissenschaften mit Bildung besch&#228;ftigen &#8211; wie die Soziologie oder die Betriebswirtschaftslehre &#8211;  einzubeziehen. Das ist ein gro&#223;er Anspruch, der zu inhaltlich sehr unterschiedlichen Beitr&#228;gen f&#252;hrt. Das allerdings muss noch nichts Schlechtes sein.<br />
Die <a href="http://bildungsforschung.org/bildungsforschung/Archiv/2009-01" target="_blank">aktuelle Ausgabe</a> #16 der <em>bildungsforschung</em> zum Thema <em>Lebenslanges Lernen</em> h&#228;lt diesen Anspruch ziemlich gut ein. Neben Texten, die zeigen, dass eine betriebswirtschaftliche Betrachtung des Komplexes Lebenslanges Lernen heutzutage offenbar konsequent an der Realit&#228;t dieser Bildungsaktivit&#228;ten vorbeigeht, stehen Texte, die sich dem Thema theoretisch n&#228;hern und dabei Aussagen produzieren, die f&#252;r Einrichtungen, welche sich als Institutionen des Lebenslangen Lernens (egal, ob als aktivierende Lernorte, als Infrastruktur oder anders) verorten, sinnvoll sind. Sicher, wer Zeitschriften best&#228;ndig auf Aussagen &#252;ber Bibliotheken absucht, wird dieser Ausgabe der <em>bildungsforschung</em> nichts abgewinnen k&#246;nnen. Nur weil sich Bibliotheken immer wieder einmal als bevorzugte Orte des individuellen und institutionellen Lernens darstellen, hei&#223;t das nicht, das Andere diesen Anspruch teilen. Obwohl in den Artikeln sehr unterschiedliche Lernorte und -einrichtungen aufgez&#228;hlt werden, werden weder Bibliotheken noch Mediensammlungen thematisiert.<br />
Das sollte aber nicht davon abhalten, diese Ausgabe wahrzunehmen. Wenn sich Bibliotheken als Orte verstehen, die Bildung in der einen oder anderen Form anbieten oder unterst&#252;tzen, dann w&#228;re es f&#252;r diese nur folgerichtig, auch wahrzunehmen, welche Diskussionen in anderen Disziplinen zum Lebenslangen Lernen (oder anderen Themen aus dem Bildungsbereich, wie sie in fr&#252;heren Ausgaben der <em>bildungsforschung</em> nachzulesen sind) gef&#252;hrt werden. Und zwar nicht nur, um dort Argumente f&#252;r sich selber, seine Arbeit und institutionelle Existenz zu finden, sondern auch, um bestimmte Sachen einfach nicht zu machen.<br />
Woran diese Ausgabe der <em>bildungsforschung</em> allerdings scheitert, ist die in ihrem Anspruch der Interdisziplin&#228;rit&#228;t eigentlich angelegte Vermittlung unterschiedlicher Forschungsrichtungen. Vielmehr stehen die Texte der Ausgabe relativ unvermittelt und ohne aufeinander bezogen zu sein, nebeneinander.</p>

	<p><strong>Das Scheitern einfacher Modelle</strong><br />
Ein gutes Beispiel daf&#252;r, warum viele konzeptionell relativ einfach strukturierte bildungspolitische Aktivit&#228;ten keine oder nur sehr geringe Ergebnisse vorweisen k&#246;nnen, liefern Silvia Annen und Markus Brentschneider, obwohl das eigentlich nicht das Ziel ihres Textes ist. [<em>Annen, Silva ; Brentschneider, Markus (2009) / Anerkennung informell erworbener Kompetenzen aus bildungspolitischer und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive. &#8211; In: bildungsforschung 1 (2009) 6. &#8211; <a href="http://bildungsforschung.org/bildungsforschung/Archiv/2009-01/anerkennung" target="_blank">http://bildungsforschung.org/bildungsforschung/Archiv/2009-01/anerkennung</a></em>]<br />
Annen und Brentschneider wollen eigentlich die beiden Initiativen Europass und ProfilPass vorstellen. Was sie aber in Wirklichkeit tun, ist zu zeigen, wie mit einem betriebswirtschaftlich orientieren Menschenbild gnadenlos an der gesellschaftlichen und individuellen Realit&#228;t der Bildungsprozesse vorbei geplant wird.<br />
Annen und Brentschneider interpretieren die aktuellen EU-Initiativen und Dokumente der EU zum Lebenslangen Lernen grunds&#228;tzlich als Aufforderung, den Bereich des informellen Lernens zu st&#228;rken, indem er strukturell dem formellen Bildungsbereich angepasst wird, beispielsweise durch &#8222;Qualit&#228;tssicherung&#8220; und &#8222;Zertifizierung&#8220;. Diese Lesart ist m&#246;glich, aber weder zwingend noch wird sie allgemein begr&#252;&#223;t. Vielmehr werden die Texte der EU gerade wegen dieser Tendenz anderswo kritisiert und dann darauf behaart, dass eine positiv motivierende Eigenheit informeller und nonformaler Bildungsaktivit&#228;ten gerade darin besteht, nicht zu formell zu sein und nicht zu sehr an Bildungszielen etc. ausgerichtet zu sein. Das trifft nicht f&#252;r alle informellen Bildungsaktivit&#228;ten zu, aber f&#252;r einen gro&#223;en Teil.<br />
Nachdem aber Annen und Brentschneider eine eher langweilige Lesart der EU-Diskussion zu lebenslangen Lernen darlegen, ist es doch interessant, wie sie bestimmte Ver&#228;nderungen der Diskussionen in der EU-Bildungspolitik wahrnehmen. Sie stimmen zwar zu, dass bis vor Kurzem fast durchg&#228;ngig die Besch&#228;ftigungsf&#228;higkeit als alleiniges Kriterium f&#252;r eine erfolgreiche Bildungspolitik gegolten h&#228;tte, konstatieren allerdings ohne konkreten Nachweis, dass dies heute anders gehandhabt w&#252;rde und die Entfaltung der Individualit&#228;t sowie die F&#246;rderung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes durch Bildung neben der Arbeitsmarktfunktion als zweites und drittes herausragendes Ziel beachtet w&#252;rden. So gut das vielleicht klingt, so wenig k&#246;nnen Annen und Brentschneider f&#252;r diese Interpretation Quellen anf&#252;hren. [1] Erstaunlicher ist allerdings, dass sie auf diese Beschreibung im restlichen Artikel nicht mehr zur&#252;ck kommen, sondern vielmehr weiterhin die Orientierung am Arbeitsmarkt als Ziel jeder individuellen Bildungsaktivit&#228;t unterstellen.<br />
Schlie&#223;lich stellt der Text zwei &#228;hnlich funktionierende Zertifizierungsmodelle vor. Beide Modelle gehen davon aus, dass es sinnvoll sei, wenn Personen, die informelle lernen, ihre Kompetenzen aufzeichnen und dabei &#252;ber diese Kompetenzen reflektieren. Sowohl der <em>Europass</em> als auch der <em>ProfilPass</em> versuchen dies mit einer mehr oder minder engen Struktur zu gew&#228;hrleisten. Dies soll:<br />
<ul></p>
	<p><li>dazu beitragen, dass sich Lernenden dar&#252;ber klar werden, welche Kompetenzen sie schon erworben haben</li><br />
<li>den p&#228;dagogischen Nutzen haben, dass die Lernenden ihre weiteren Bildungsaktivit&#228;ten planen k&#246;nnen und gleichzeitig davon motiviert</li><br />
<li>werden, was sie schon erreicht haben</li><br />
<li>dazu beitragen, dass sich die Lernenden besser auf dem Arbeitsmarkt pr&#228;sentieren k&#246;nnen</li><br />
</ul></p>
	<p>zudem sollen die Lernenden durch diese P&#228;sse dazu gebracht werden, zu erkennen, was sie k&#246;nnen &#8211; weil dies (noch einmal) schon motivierend sei und weil das ihre Position auf dem Arbeitsmarkt verbessern w&#252;rde<br />
Eine Unstimmigkeit ist dabei, dass informelle Lernprozesse oft gerade als nicht intentional verstanden werden, also explizit nicht als geplant. Die andere gro&#223;e Unstimmigkeit liegt darin, dass informelles Lernen eigentlich als h&#246;chst individuelles verstanden wird, w&#228;hrend Zertifizierungsmodelle wie die vorgestellten schon durch die Auswahl der &#8222;gemessenen&#8220; (meist selbsteingesch&#228;tzten) Kompetenzen normativ wirken m&#252;ssen: so viele Kompetenzmodule kann man gar nicht zur Verf&#252;gung stellen, als das sich damit alle potentiellen Lernziele abbilden lassen k&#246;nnten. Ein auff&#228;lliges Beispiel f&#252;r diese Normativit&#228;t: der <em>Europass</em> erhebt Angaben &#252;ber die (r&#228;umliche) Mobilit&#228;t von Lernenden. Das ist ein politisch gesetzter Wert, keiner der aus einer per-se individuellen Wertsetzung herstammt. Einige Leute sind gerne unterwegs und lernen auch einmal in anderen Staaten, andere Leute tun das nicht gerne oder k&#246;nnen sich einen solchen Wunsch auch finanziell oder beziehungstechnisch gar nicht leisten. Hingegen hat die europ&#228;ische Bildungspolitik Mobilit&#228;t in den letzten Jahren bekanntlich zu einem herausragenden Wert erkl&#228;rt, weil dies mutma&#223;lich auf dem Arbeitsmarkt verlangt w&#252;rde. Auf solche Weise reflektiert der Pass gerade nicht die Interessen der Lernenden, sondern eine normative Sicht auf Bildung.<br />
Einher geht mit dem <em>ProfilPass</em> eine Beratung, die f&#252;r diesen Pass entworfen wurde. In dieser Beratung soll den (potentiellen) Lernenden geholfen werden, ihren Pass sinnvoll auszuf&#252;llen und &#8211; das ist die Hauptsorge &#8211; auch f&#252;r die eigenen Planungen f&#252;r Lernaktivit&#228;ten zu nutzen. Annen und Brentschneider stellen eine Befragung von Teilnehmenden dieser Beratung dar. Herausragend ist, dass diese Beratung von den Befragten (die allerdings wie auch in den anderen von Annen und Brentschneider zitierte Befragungen, selbstausgew&#228;hlt waren und deshalb keine verallgemeinerbaren Aussagen produzieren, wie dass Annen und Brentschneider anzudeuten scheinen) relativ positiv eingesch&#228;tzt wird, weil sie ihnen geholfen h&#228;tte, sich selbst als lernendes Subjekt zu verorten. Aber die Akzeptanz des <em>ProfilPass</em> steigerte diese Beratung gerade nicht.<br />
So funktioniert aber auch der gesamte Text von Annen und Brentschneider. Sie f&#252;hren immer wieder Vorstellungen davon an, wie sich Lernenden bei der Planung und Durchf&#252;hrung von informellen Bildungsaktivit&#228;ten angeblich von den Anforderungen des Arbeitsmarktes leiten lie&#223;en. Aber jede Art des Realit&#228;tschecks, die von Annen und Brentschneider angef&#252;hrt wird, zeigt dann, dass diese Vorstellungen nicht in der realen Welt funktionieren. Hingegen zeigen Annen und Brentschneider in einem weiteren Kapitel auf, dass ihre Modelle mit den g&#228;ngigen betriebswirtschaftlichen Theorien zur Erkl&#228;rung menschlichen Verhaltens &#252;bereinstimmen. Das ist auch ein Ergebnis ihres Textes: nimmt man die Vorstellung, dass Menschen sich dadurch auszeichnen w&#252;rden, dass sie jede ihrer Entscheidungen nach Kosten-/Nutzenrechnungen treffen, ernst, dann stimmen Projekte wie der <em>EuroPass</em> und der <em>ProfilPass</em> mit diesen Vorstellungen &#252;berein. Nur ist das keine Aussage dar&#252;ber, was solche Projekte in der Realit&#228;t bringen, da menschliches Verhalten bekanntlich so nicht funktioniert.</p>

	<p>Eine weiteren Text, der zeigt, dass nicht alles, was mit Lebenslangem Lernen zu tun hat, auch immer uneingeschr&#228;nkt zu begr&#252;&#223;en ist, liefert Kornelius Knapp &#252;ber das Thema Corporate Volunteering. [<em>Knapp, Kornelius (2009) / Informelle Lernprozesse systematisch nutzen. Corporate Volunteering als Instrument der Personalentwicklung. &#8211; In: bildungsforschung 1 (2009) 6. &#8211; <a href="http://bildungsforschung.org/bildungsforschung/Archiv/2009-01/corporate_volunteering" target="_blank">http://bildungsforschung.org/bildungsforschung/Archiv/2009-01/corporate_volunteering</a></em>] Der Text selber stellt das Konzept Corporate Volunteering knapp, aber sehr verst&#228;ndlich dar. Allerdings: was f&#252;r ein Konzept. Die Idee ist, dass Firmen ihre Mitarbeiter quasi  zum Dienst in Freiwilligenorganisationen abordnen. Das kann f&#252;r einige Tage sein oder auch als langangelegtes Projekt. Dabei wird dieser Dienst &#8211; so zumindest Knapp in seinem Text &#8211; als informelles Lernen verstanden. Also: die Firmen ordnen solche Mitarbeit an, damit die Mitarbeiter etwas neues Lernen, beispielsweise sich in neuen Situationen zurechtzufinden. Und &#8230; das ist auch schon das Konzept. Die Auswahl der Organisationen, bei denen mitgearbeitet werden soll, scheint vor allem davon abh&#228;ngig zu sein, was die Mitarbeiter einer Firma dort lernen k&#246;nnen.<br />
Sicherlich erw&#228;hnt Knapp auch andere Gr&#252;nde, insbesondere den Marketingeffekt, die M&#246;glichkeit f&#252;r Firmen, soziale Verantwortung zu zeigen oder den tats&#228;chlichen Wunsch, irgendwo zu helfen. Kurz erw&#228;hnt auch Knapp, dass die Freiwilligenorganisationen etwas von einer solchen Zusammenarbeit haben k&#246;nnten, zum Beispiel Wissen aus dem Marketing vermittelt zu bekommen. Aber eigentlich kommt all das nur am Rand vor. Was sollen die Freiwilligenorganisationen mit solcher Hilfe? Das wird nicht thematisiert. Was wollen die Mitarbeiter eigentlich? Das interessiert auch nur am Rande. Warum werden eigentlich nicht einfach Leute eingestellt, die selber schon ehrenamtlich aktiv sind, wenn das so ein gro&#223;artiges Lernfeld ist, sondern stattdessen Leute, die sich vielleicht noch nie f&#252;r ihre oder anderer Belange interessiert haben, dazu gezwungen, das jetzt zu tun? Unklar.<br />
Insgesamt ist der Text informativ, aber er macht auch etwas Angst: denkt man in Chefetagen und Personalverwaltungen wirklich so &#252;ber Freiwilligenarbeit? Erschreckend. [2]</p>

	<p><strong>Interessanter: Was passiert eigentlich beim Lebenslangem Lernen</strong><br />
Wesentlich interessanter sind diejenigen Text der bildungsforschung, die sich mit der Frage besch&#228;ftigen, was genau eigentlich beim Lebenslangem Lernen passiert. Katharina Resch und Charlotte Str&#252;mpel stellen Anl&#228;sse f&#252;r informelles Lernen &#228;lterer Personen dar. [<em>Resch, Katharina ; Str&#252;mpel, Charlotte (2009) / Informelles Lernen und M&#246;glichkeiten freiwilligen Engagements im Alter &#8211; Sichtbarkeit, Motive und Rahmenbedingungen. &#8211; bildungsforschung 1 (2009) 6. &#8211; <a href="http://bildungsforschung.org/bildungsforschung/Archiv/2009-01/Engagement" target="_blank">http://bildungsforschung.org/bildungsforschung/Archiv/2009-01/Engagement</a></em>] Das ist schon deshalb interessant, weil diese Personen in Planungen, die sich auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes konzentrieren, praktisch nicht vorkommen &#8211; sie sind im Ruhestand und deshalb f&#252;r den Arbeitsmarkt, auch den zuk&#252;nftigen, uninteressant. Das hei&#223;t aber selbstverst&#228;ndlich nicht, dass sie aufh&#246;ren w&#252;rden, zu lernen.<br />
Resch und Str&#252;mpel rekurrieren auf den Soziologen Franz Kolland, der vier Gr&#252;nde f&#252;r das Lernen im Alter differenziert:<br />
<ul></p>
	<p><li>&#8222;Kompensation&#8220; f&#252;r die Chancen, die man in der Jugend verpasst hat</li><br />
<li>Bildung als Recht &#228;lterer Menschen</li><br />
<li>Bildung als eigenst&#228;ndige Aktivit&#228;t im Alter (Lernen um des Lernens willen)</li><br />
<li>Bildung als Mittel zur Mitarbeit an/in der Gesellschaft</li><br />
</ul></p>
	<p>In der weiteren Reflexion verweisen Resch und Str&#252;mpel darauf, dass informelles Lernen sich sehr oft gerade nicht geplant gestaltet, sondern &#8222;nebenher&#8220; stattfindet &#8211; ein eigentlich bekannter Fakt, den wahrzunehmen aber so viel Ans&#228;tze, Lebenslanges Lernen &#8222;nutzbar&#8220; zu machen, scheitern. Resch und Str&#252;mpel postulieren, dass gerade auch solches Lernen, dass als Selbstzweck erscheinen k&#246;nnte, einen Sinn haben kann. So findet dieses Lernen im Alter zumeist in Gruppen und Einrichtungen statt, die es zu einer sozialen Aktivit&#228;t werden lassen. Nicht mehr der (potentiell) einsame Wissenserwerb, sondern die Kommunikation und Bestimmung einer (neuen) Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens stehen dabei im Vordergrund. [3]<br />
Gleichzeitig zeigt aber auch der Text von Resch und Str&#252;mpel, dass die Kenntnis von Lernprozessen gerade nicht in den Projekten, die auf einem solchen Wissen aufbauen, antizipiert wird. Sie stellen ein Projekt vor, welches mithilfe von Workshops (und festen Institutionen) daf&#252;r sorgen will, dass gerade solche &#228;lteren Menschen, die noch nicht eigenst&#228;ndige Lernaktivit&#228;ten entfalten, dazu ermutigt werden k&#246;nnen, solche Aktivit&#228;ten aufzunehmen. Dabei geht es auch darum, die Menschen gerade zum Reflektieren &#252;ber die eigenen Kompetenzen anzuregen. Der unumgehbare Witz bei diesen Workshops ist allerdings, dass wieder einmal vor allem die erreicht werden, die eh schon aktiv sind und gerade nicht die, die es noch nicht sind. Vielleicht l&#228;sst sich das bei freiwillig zu nutzenden Angeboten auch nicht vermeiden, aber es l&#228;sst doch einige Zweifel am m&#246;glichen Erfolg der Initiative aufkommen.</p>

	<p>Den interessantesten und f&#252;r die Planung von Bildungsaktivi&#228;ten und der Unterst&#252;tzung von Bildungsaktivit&#228;ten  relevantesten Text liefern Anke Grotl&#252;schen und Judith E. Kr&#228;mer. [<em>Grotl&#252;schen, Anke ; Kr&#228;mer, Judith E. (2009) / Vom Vergessen der Einfl&#252;sse: Vermeintliche Selbstbestimmung bei der Interessengenese. &#8211; In: bildungsforschung 1 (2009) 6. &#8211; <a href="http://bildungsforschung.org/bildungsforschung/Archiv/2009-01/interesse" target="_blank">http://bildungsforschung.org/bildungsforschung/Archiv/2009-01/interesse</a></em>] Sie untersuchen mithilfe des theoretischen Instrumentariums Pierre Bourdieus die Genese der (vermeintlich individuellen) Bildungsinteressen. Ihre These ist, dass das Interesse an Bildungsaktivit&#228;ten, welche man bei potentiellen oder realen Nutzerinnen und Nutzern erfragen kann (was man, begreift man sich als eher an der Nachfrage orientierten Einrichtung ja tun soll), von diesen zwar als individuelles Interesse beschrieben wird, aber bei einer genaueren Analyse vorrangig als Effekt von miteinander verschr&#228;nkten biographischen und sozialen Rahmungen erscheint. F&#252;r Grotl&#252;schen und Kr&#228;mer erscheint das Lerninteresse von Individuen &#8211; also die Aussagen, dass sie sich f&#252;r das und das interessieren oder &#8222;schon immer&#8220; das und das gerne gelernt haben &#8211; als Effekt des Habitus von Menschen. Der Habitus zeichnet sich bei Bourdieu gerade dadurch aus, dass man Erfahrungen vermeintlich negiert und als eigene Entscheidungen oder Haltungen darstellt. [4]<br />
Das Gef&#228;hrliche daran ist, dass einerseits &#8211; gerade in der Diskussion um Lebenslanges Lernen &#8211; der Eindruck vermittelt wird, als w&#252;rde man Bildung an den Interessen der Lernenden und potentiellen Lernenden ausrichten, obwohl andererseits in gewissen Ma&#223;en durch die soziale Stellung und Familiengeschichte vorherbestimmt ist (mit immer wieder auftretenden Ausnahmen) wer was wann, wie und warum lernt, auch bei informellen Lernaktivit&#228;ten. Das kann dazu f&#252;hren, dass eine allzu unreflektierte Orientierung an den vorgeblich rein individuellen Interessen der Lernenden auch Einrichtungen, die &#8211; wie Bibliotheken &#8211; die informelle Bildung unterst&#252;tzen und / oder tragen, zur Reproduktion beziehungsweise Versch&#228;rfung der sozialen Stratifizierung der Gesellschaft beitragen. (Wie das ja auch ein bekannter Vorwurf an die formelle Bildung, insbesondere in Schule, ist.)<br />
Dabei beschreiben Grotl&#252;schen und Kr&#228;mer den Habitus nicht als unver&#228;nderlich, sondern als &#8222;tr&#228;ge&#8220;, dass hei&#223;t aber auch mithilfe individueller und gesellschaftlicher Anstrengungen &#252;berwindbar.</p>

	<p><blockquote><br />
<strong>[Fu&#223;noten]</strong><br />
[1] Zumal man auch darauf hinweisen kann, dass es immer schon &#8211; auch bevor die EU eine EU-weite Bildungspolitik anvisierte &#8211; eine Strang der auf Europa bezogenen Bildungsarbeit gab, welcher unter dem Schlagwort des europ&#228;ischen Zusammenwachsens daran gearbeitet hat, die Verst&#228;ndigung zwischen Europ&#228;erinnen und Europ&#228;ern &#252;ber die nationalen Grenzen und Kulturen hinweg mithilfe von Bildung (und kulturellen Aktivit&#228;ten) zu erm&#246;glichen. Dieses wird von Annen und Brentschneider &#252;berhaupt nicht erw&#228;hnt, was einen Hinweis auf die tats&#228;chliche Bedeutung dieser Aktivit&#228;ten im bildungspolitischen Rahmen EU darstellen kann.<br />
[2] Womit nicht gesagt sein soll, dass einige Projekte, die unter dem Titel Corporate Volunteering laufen, nicht doch auch sinnvoll sein k&#246;nnen.<br />
[3] Was tats&#228;chlich f&#252;r Bibliotheken eine relevante Aussage ist. Laut  Resch und Str&#252;mpel geht es &#228;lteren Menschen oft gerade nicht darum, am Tisch (in einem Lesesaal) aus einem Buch zu lernen, sondern in Gruppen, in welchen kommuniziert werden kann. Und dabei sowohl in Ad-hoc-Gruppen als auch in kontinuierlich arbeitenden. Das ernstgenommen ver&#228;ndert selbstverst&#228;ndlich die Anforderungen an Bibliotheken.<br />
[4] In seiner popul&#228;ren Interpretation, die in den letzten Jahren vor allem durch die Gender Studies genutzt wurde, wird der Habitus bei Bourdieu auch als Einschreibung sozialer Verh&#228;ltnisse in die K&#246;rper und das Handeln der Individuen verstanden. Darauf gehen Grotl&#252;schen und Kr&#228;mer nicht ein, allerdings schlie&#223;en sich beide Verwendungsweisen auch nicht aus.<br />
</blockquote></p>
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	</item>
		<item>
		<title>XO: Computer, Bildungsgerät, Gutmenschendings</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Jul 2009 16:19:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Karsten Schuldt</dc:creator>
		
	<category>Grundsätzliches</category>
	<category>Glücksversprechen und Wünsche</category>
	<category>Kinder</category>
	<category>Jugendliche</category>
	<category>Medien</category>
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		<description><![CDATA[	Nahezu die gesamte aktuelle Ausgabe der LOG IN: informatische Bildung und Computer in der Schule ist dem XO, jenem auch als One Laptop Per Child-Ger&#228;t (OLPC) bekannten Rechner des OLPC-Projektes sowie dem zwischenzeitlich auch f&#252;r andere Rechner entwickelten Oberfl&#228;che / Quasi-Betriebssystems Sugar des XO gewidmet. Das ist keine falsche Wahl, immerhin handelt es sich bei [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>Nahezu die gesamte aktuelle Ausgabe der <span class="caps">LOG IN</span>: informatische Bildung und Computer in der Schule ist dem XO, jenem auch als One Laptop Per Child-Ger&#228;t (OLPC) bekannten Rechner des <span class="caps">OLPC</span>-Projektes sowie dem zwischenzeitlich auch f&#252;r andere Rechner entwickelten Oberfl&#228;che / Quasi-Betriebssystems Sugar des XO gewidmet. Das ist keine falsche Wahl, immerhin handelt es sich bei XO und Sugar um zwei der im globalen Rahmen herausragendsten Hard- und Softwareprodukte f&#252;r Bildungsarbeit mit Kinder und Jugendlichen, die aktuell vorhanden sind. Und zudem tangieren sie den Themenbereich der <span class="caps">LOG IN</span> direkt. Fraglos ist der Rechner, die Software und die &#8222;mitgelieferte&#8220; Bildungstheorie f&#252;r alle Bildungseinrichtungen ein zu diskutierendes Thema. Viel diskutiert wird in der <span class="caps">LOG IN</span> allerdings nicht.</p>

	<p><strong>Einf&#252;hrung und Beispiele</strong><br />
Den Anfang macht Christoph Derndorfer mit einem schon ziemlich &#252;bertrieben positiven Einf&#252;hrungsartikel [<em>Derndorfer, Christoph (2009) / One Laptop per Child : Von einer Vision zur globalen Initiative. &#8211; In: <span class="caps">LOG IN</span>, 159 (2009) 29, S. 12-17</em>]. Das ist insoweit verst&#228;ndlich, als das man dies von einem Co-Editor der Website olpcnews wie es Derndorfer einer ist, auch erwarten kann. [<a href="http://www.olpcnews.com/mt/mt-cp.cgi?__mode=view&#38;blog_id=4&#38;username=Christoph" target="_blank">http://www.olpcnews.com/mt/mt-cp.cgi?__mode=view&#38;blog_id=4&#38;username=Christoph</a>] Allerdings kann man die <span class="caps">LOG IN</span> fragen, ob sie einen Schwerpunkt unbedingt mit einem der sicherlich kompetenten, aber doch sehr klar positionierten F&#246;rderer der Projektes aufmachen muss. Ist das nicht in gewisser Weise schon eine zu klare Positionierung der Redaktion? Oder gibt es einfach niemand, der sich n&#228;her mit dem <span class="caps">OLPC</span>-Projekt befasst hat und dennoch nicht direkt dazu geh&#246;rt?<br />
Wie dem auch sei: etwas zu unkritisch und glatt, aber ansonsten kenntnisreich, stellt der Text von Derndorfer die Geschichte des Projektes dar, welche man auch schon anderswo schon lesen konnte. Er bespricht nochmal die Grundgedanken und ersten Planungen von 2004/2005. Jedes Kind solle einen eigenen Laptop erhalten, welcher als Bildungswerkzeug konzipiert sei und sowohl das eigene kreative als auch das partnerschaftliche Arbeiten erm&#246;glichen w&#252;rde. Dieser Rechner sei billig, robust und auf seine Aufgabe zugeschnitten zu konzipieren und mit einer Bildungstheorie zu verbinden. Rechner alleine w&#252;rden &#8211; so die &#220;berzeugung des Leiters des Projektes, Nicholas Negroponte &#8211; nicht zur Umgestaltung des Unterrichts und zur &#220;berwindung des digital divides beitragen, aber eine Verbindung von Bildungstheorie, Bildungspraxis und richtiger Hardware k&#246;nnte dies. Dabei konnten Negroponte und das Team des <span class="caps">OLPC</span>-Projektes auf Bildungsforschungen des <span class="caps">MIT </span>(Massachusetts Institute of Technology) aus den vergangen Jahrzehnten zur&#252;ckgreifen, welche vornehmlich in den <span class="caps">USA </span>&#8211; was f&#252;r das <span class="caps">MIT</span> ja auch nicht anders zu erwarten ist &#8211; den Einsatz von Rechnern in Bildungseinrichtungen und unterschiedlichen Ans&#228;tzen eines Programmierunterrichts untersucht hatten. Nicht umsonst ist Negroponte am <span class="caps">MIT</span> als Professor angestellt und war das <span class="caps">OLPC</span>-Project auch lange Zeit vollst&#228;ndig dieser Institution angegliedert.<br />
Daneben, so berichtet Derndorfer, war der Rechner XO von Anfang an darauf ausgelegt, m&#246;glichst &#8222;gr&#252;n&#8220; und robust zu sein. So wurde seine Energiebilanz m&#246;glichst niedrig gehalten und darauf geachtet, dass er langlebig ist, mit wenig Strom auskommt und auch unter extremsten Bedingungen durch die Gegend geschleppt werden kann. Zudem sollte er einst 100 Dollar kosten. Dieses Ziel wurde nicht erreicht, aktuell wird er f&#252;r 188 Dollar produziert.<br />
Dernhofer geht auf den Umstand ein, dass der XO zu Beginn auch Aufsehen erregte, weil er sehr stringent das Konzept der Freien Software nutzte. Die mit einigen neuen Konzepten ausgestattete Benutzeroberfl&#228;che des XO, Sugar, setzte direkt auf einem Linuxkernel auf und wurde auch ansonsten als Open Source projektioniert. Allerdings wurde dies vor einiger Zeit ge&#228;ndert. Als Microsoft aufh&#246;rte, &#252;ber den 100-Dollar-Laptop zu spotten, versuchte diese Firma &#8211; wie auch auf dem Netbookmarkt &#8211; Fu&#223; zu fassen, wohl bevor sich Linux oder andere freie Betriebssysteme zu sehr durchsetzten. Mit dem <span class="caps">OLPC</span>-Projekt wurden Vereinbarungen getroffen, dass eigentlich veraltete Windows XP zu einer niedrigen Preis auf den Rechnern einzusetzen. Als Begr&#252;ndung, warum sich auf dieses Angebot eingelassen wurde, gab das Projekt an, dass eine Anzahl von Lehrerinnen und Lehrern dies eingefordert h&#228;tten, weil sie mit Windows XP bekannt w&#228;ren. Allerdings war dies eine ziemliche radikale Abkehr vom Open Source Gedanken, der vom <span class="caps">OLPC</span>-Projekt lange Zeit vertreten wurde, aber auch von der Idee, haupts&#228;chlich Software zu nutzen, die p&#228;dagogisch sinnvoll sei. Ein Ergebnis dieses Entscheidung, auf das auch Dernhofer eingeht, ist die Trennung der beiden Projekte XO und Sugar. Sugar, die Oberfl&#228;che, wird heute als Open Source Produkt, dass sowohl auf Linux als auch auf Windows [1] aufgesetzt werden kann und heute auch auf anderen Rechnern als dem XO l&#228;uft, weiter entwicklet; wenn dadurch auch gewisse Vorteile, die sich aus der Zusammenarbeit der Hard- und Software beim XO ergaben, eingeb&#252;&#223;t wurden.<br />
Zuletzt verteidigt Dernhofer das <span class="caps">OLPC</span>-Project noch einmal gegen den Vorwurf, die Computerisierung wichtiger zu finden, als eine praktischen Hilfe f&#252;r Menschen in den Entwicklungsl&#228;ndern. Er argumentiert, dass das <span class="caps">OLPC</span>-Projekt haupts&#228;chlich ein Bildungsprojekt und Bildung eine der Hauptinhalte einer nachhaltigen Entwicklungshilfe sei.<br />
Diesem Text folgt eine Projektbeschreibung aus &#196;thopien [<em>H&#228;rtel, Hermann (2009) / Das <span class="caps">OLPC</span>-Pilotprojekt in &#196;thopien. &#8211; In: <span class="caps">LOG IN</span>,  159 (2009) 29, S. 18-22</em>], wo der XO zuerst in zwei zweiten Klassen und dann, durch eine Spende erm&#246;glicht, an alle Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler von zwei st&#228;dtischen und zwei l&#228;ndlichen Schulen verteilt wurde. Der Projektverlauf selber wird wieder sehr positiv dargestellt. So h&#228;tte sich die Situation der Lehrmittelversorgung durch die M&#246;glichkeit, mit elektronischen Dokumenten und nicht mit den oft zu sp&#228;t gedruckten und zu wenig vorhandenen Schulb&#252;chern zu arbeiten stark verbessert. Auch der Musikunterricht w&#228;re durch die M&#246;glichkeiten des Rechners qualitativ besser geworden. Richtig merkt der Artikel an, dass sich auch die weiter berichteten positiven Ergebnisse des Projektes in &#196;thopien nicht einfach auf Industriel&#228;nder &#252;bertragen lassen, schon da die Verbreitung von Computern und anderer Informationstechnologie in diesen L&#228;ndern unterschiedlich sei und somit ganz andere Voraussetzungen vorliegen w&#252;rden.</p>

	<p><strong>Sugar</strong><br />
Die Hardware und der Grundgedanke des XO sind f&#252;r sich alleine genommen schon interessant. [2] Aber sp&#228;testens durch die Trennung des Sugar-Projekts vom <span class="caps">OLPC</span>-Projekt haben sich auch M&#246;glichkeiten f&#252;r den Einsatz der in diesem Projekt entwickelten Konzepte f&#252;r Einrichtungen ergeben, die Bildung au&#223;erhalb der Schule vermitteln wollen, also auch &#8211; aber nicht nur &#8211; Bibliotheken.<br />
Sugar ist eigentlich eine Oberfl&#228;che, die auf ein Betriebssystem aufgesetzt werden kann und dabei nicht nur das Aussehen, sondern teilweise auch die Funktionen der Rechnernutzung ver&#228;ndern. Das ist f&#252;r Menschen, die mit freien Betriebssystemen arbeiten, wohl kaum &#252;berraschend, f&#252;r Windows- und Mac-OS-Nutzerinnen und Nutzer aber vielleicht schon. Kurz: ein Betriebssystem muss nicht so aussehen, wie es aussieht und es muss nicht so reagieren, wie es reagiert. Dass es eine Taskleiste gibt oder das der Bildschirm als M&#252;llhalde f&#252;r alle m&#246;glichen Dateien und Verkn&#252;pfungen genutzt wird, wie bei Windows oder das es am unteren Bildschirmrand ein Dock geben muss, wie bei Mac-OS, ist eine Entscheidung der anbietenden Firmen, die man jeweils gut oder schlecht finden kann. Aber an sich ist es egal, wie genau die Benutzeroberfl&#228;che aussieht und reagiert und mit welchen Konzepten von den Nutzenden Funktionen gestartet werden. Das interessiert den Kernel eines Betriebssystems, also des Programms, welches jeweils die Hauptarbeit leistet, im Grund nicht. Und bei freien Betriebssystemen ist es normal, dass es einfach sehr unterschiedlich konzipierte Benutzeroberfl&#228;chen gibt, die sich nicht nur im angepassten Layout, sondern auch in ihren Funktionen und im Handling teilweise grundlegend unterscheiden. Diese werden auf den Kernel und die Daten gewisserma&#223;en aufgesetzt, sie k&#246;nnen sogar nebeneinander laufen und der Nutzer / die Nutzerin kann bei jeder Sitzung w&#228;hlen, welcher dieser Windowmanager benutzt werden soll. [3] Zu erkl&#228;ren ist das schwieriger, aber man kann das mal ausprobieren, indem man sich beispielsweise eine Ubuntu, eine Kunbuntu und eine Xubuntu-Live-CD besorgt und diese hintereinander ausprobiert. Das ist grundlegend alles das gleiche Betriebssystem mit einem angepassten Linuxkernel und einer Auswahl geb&#252;ndelter Programme. Der Hauptunterschied ist tats&#228;chlich die Benutzeroberfl&#228;che, aber dieser Unterschied bestimmt das Handling.<br />
Okay, nach diesem Vorwort: auch Sugar funktioniert &#228;hnlich und setzt erst einmal auf das vorhandene Betriebssystem auf. Dies kann man auch selber mit einer Live-CD von Sugar ausprobieren, welche beispielsweise in der aktuell <span class="caps">LOG IN</span> beiliegt oder von der Homepage des Projektes unter <a href="http://wiki.sugarlabs.org/go/Downloads" target="_blank">http://wiki.sugarlabs.org/go/Downloads</a> herunter geladen werden kann. Man kann daf&#252;r auch einen <span class="caps">USB</span>-Stick einsetzen und Sugar direkt vom <span class="caps">USB</span>-Stick aus betreiben. Ich hab nicht Wirklich Ahnung, wie dies genau auf Windows oder Mac-OS (dort mit Virtual Box) funktioniert. Aber auf meinem Linuxsystem (OpenSuse 11.1) erschien, nachdem ich Sugar aus den Repositories geladen hatte, beim Anmeldebildschirm neben den schon installierten Windowmanagern einfach ein weiterer Manager, eben Sugar. Fertig ist die Umsetzung von Sugar f&#252;r andere Distributionen aber noch nicht wirklich, d.h. es gab zumindest bei mir noch einige Stellen, an denen es hakte. Aber das hei&#223;t ja gerade bei OpenSource nicht, dass das nicht alles bald ganz anders ist.<br />
Der Witz ist, dass sich Sugar, auch wenn es eigentlich &#8222;nur&#8220; die Schicht zwischen Kernel und Nutzenden darstellt, anf&#252;hlt wie ein eigenst&#228;ndiges Betriebssystem. Das gesamte Handling und die Programme sind anders, als bei jedem anderen Betriebssystem. Das stellt Rita Freudenberg in ihrem Text in der <span class="caps">LOG IN</span> l&#228;nger dar. [<em>Freudenberg, Rita (2009) / <span class="caps">SUGAR </span>&#8211; ein Betriebssystem zum Lernen. &#8211; In: <span class="caps">LOG IN</span>, 159 (2009) 29, S. 40-44</em>] Grunds&#228;tzlich ist Sugar der Aufgabe, konstruktivistisch orientiertes Lernen zu erm&#246;glichen, angepasst. Die Idee ist, in Sugar das Selber-tun und das entdeckende Lernen miteinander zu verbinden. Auff&#228;llig sind folgende Konzepte:<br />
<ul></p>
	<p><li>Zusammenarbeit. Sugar versucht, ein lokales Mesh-Netzwerk herzustellen, d.h. mit anderen Rechnern nicht unbedingt ins Internet zu gehen &#8211; was angesichts der Netzabdeckung in anderen Teilen der Welt nicht immer sinnvoll oder schmerzfrei zu haben w&#228;re &#8211;, sondern die Rechner &#8222;drumherum&#8220; zu einem Netz zu verbinden. Selbstverst&#228;ndlich m&#252;ssen dann zum Kommunizieren die Nutzenden der jeweiligen Rechner zustimmen. Aber die Idee ist, in Klassen- und Lernr&#228;umen ad hoc Arbeitsgruppen bilden und in diesen &#252;ber den Rechner kommunizieren und zusammen arbeiten zu k&#246;nnen. Deshalb werden Rechner in Sugar auch durchg&#228;ngig als symbolisierte Menschen (schr&#228;g stehende Kreuze mit Punkt drauf, wie auf der Homepage des Sugar Projects mehrfach zu sehen ist) dargestellt, weil sich hinter diesen Rechnern f&#252;r die Lernenden halt keine anderen Rechner, sondern andere Lernende befinden. Sobald ein Netzwerk errichtet ist, kann mit einigen Mausklicken zwischen diesen kommuniziert werden, wie sonst auch per <span class="caps">VOIP</span> oder Instant Messaging, gleichzeitig k&#246;nnen Rechner gruppiert werden.<br />
</li><li>Aktivi&#228;ten statt Programme &#246;ffnen und Dateien laden. Sugar orientiert sich eher an der real erlebten Welt, indem Malen auch nicht unbedingt in Stifte rausholen (&#8222;Programm starten&#8220;), altes Bild holen (&#8222;Laden&#8220;), malen (&#8222;bearbeiten&#8220;) und Speichern unterteilt wird, sondern eher als gesamte Aktivit&#228;t gilt. So speichert Sugar st&#228;ndig alle bearbeiteten Dokumente mit den ge&#246;ffneten Programmen sofort nach jeder Ver&#228;nderung und beh&#228;lt sie bei Schlie&#223;en in diesem letzten Zustand offen. Jederzeit kann ein Dokument geschlossen werden und steht dann wieder so zur Verf&#252;gung, wie es beim Schlie&#223;en aussah. Das h&#246;rt sich nicht so neu an, ist aber tats&#228;chlich eher so, als w&#252;rde ich nie aufr&#228;umen, sondern meine Texte einfach auf dem Schreibtisch liegen lassen, wenn ich zum Socializen losgehe und mich dann sofort wieder an den Schreibtisch setzen. (Hier w&#228;re es wirklich gut, selber ein bisschen mit Sugar zu spielen, um den Unterschied nachvollziehen zu k&#246;nnen.) Der Sinn dahinter ist, sich eher an der Lebenswelt der Lernenden und nicht so sehr an den Konzepten analytisch ausgebildeter Informatiker und Informatikerinnen &#8211; die unsere Wahrnehmung des Computers gepr&#228;gt haben &#8211; zu orientieren. Deshalb ist die ganze Struktur mit Ordnern, Programmen und einzelnen Dateien &#8211; welche ja auch eine Abstraktion des Speicherinhalts und Funktionsumfangs darstellt und eben nicht &#8222;nat&#252;rlich&#8220; ist &#8211; bei Sugar aufgehoben und als &#8222;Aktivit&#228;ten&#8220; zusammengefasst.</li><br />
<li>Schichtweise Erweiterung. Sugar w&#228;chst &#8211; zumindest theoretisch &#8211; mit dem Wissen und K&#246;nnen der Nutzenden. Die Grundeinstellung ist f&#252;r Menschen ausgelegt, f&#252;r die der XO unter Umst&#228;nden das erste elektronische Ger&#228;t ist, d.h. die Bedienungen sind m&#246;glichst einfach und an der Lebenswelt von Menschen orientiert und nicht an einem Vorwissen aus anderen Betriebssystemen oder technischen Apparaturen. Gleichzeitig lassen sich mit wachsendem Wissen weitere Programme zuschalten und somit die Komplexit&#228;t des Systems erh&#246;hen, wenn auch keines der anderen Betriebssysteme vollst&#228;ndig ersetzt werden kann (was aber auch nicht das Ziel von Sugar ist). [Zudem l&#228;sst sich in Sugar auch immer die Kommandozeile ansteuern und somit eigentlich auch mit Sugar alles machen, was man mit einem anderem Windowmanager machen kann.]</li><br />
</ul></p>
	<p>Eines der Steckenpferde des <span class="caps">MIT</span> war bei der Entwicklung des XO und von Sugar das Programmieren. Kinder sollten unbedingt ordentlich programmieren lernen, weil sie dies in die Lage versetzen w&#252;rde, einerseits eigene Programme zu schreiben, andere zu manipulieren oder Ger&#228;te zu steuern und anderseits ihr kreatives und planendes Denken elementar zu verbessern. Diese Grundidee, die schon weit vor dem XO am <span class="caps">MIT</span> vertreten wurde und beispielsweise mit dem intensiven Einsatz der Lern-Programmiersprache <span class="caps">LOGO</span> einher ging, hat sich auch auf Sugar niedergeschlagen. Gleich zwei Artikel der <span class="caps">LOG IN</span> berichten &#252;ber die verschiedenen Programme und ihre Anwendungsm&#246;glichkeiten. Dabei zeichnen sich die Programm dadurch aus, dass sie Quellcode anders als nur als reiner Text darstellen, beispielsweise als Bausteine, und damit das Programmieren als Spiel und Plan begreifbar machen. [<em>Wedekind, Joachim ; Kohls, Christian (2009) / Programmieren mit dem XO-Laptop. &#8211; In: <span class="caps">LOG IN 156 </span>(2009) 29, S. 45-50</em> und <em>Baumann, R&#252;deger (2009) / Sprechende Katze und Zeichenschildkr&#246;te. &#8211; In: <span class="caps">LOG IN 156 </span>(2009) 29, S. 51-58</em>]</p>

	<p><strong>Bildungstheorie?</strong><br />
Weitere Artikel der hier besprochenen Ausgabe der <span class="caps">LOG IN</span> besch&#228;ftigen sich beispielsweise mit der Hardware des XO oder der Unterrichtsplanung. Heraus stechen allerdings zwei andere Texte, die sich nicht so sehr mit dem Rechner und dem System auseinander setzen, als vielmehr mit p&#228;dagogischen Fragen.<br />
Carmen Zahn [<em>Zahn, Carmen (2009) / Gestaltendes Lernen : &#8222;Learning by design&#8220; im Schulunterricht? &#8211; In: <span class="caps">LOG IN 156 </span>(2009) 29, S. 27-35</em>] stellt sehr richtig die Frage, welche Vorstellung von Bildung eigentlich hinter dem <span class="caps">OLPC</span>-Projekt steht. Aber auch das nicht wirklich kritisch, obwohl sie immerhin bemerkt, dass die empirische Basis der verwendeten Bildungstheorie nicht wirklich breit ist. Aber das scheint auch ihre einzige kritische Anmerkung zu sein.<br />
Grunds&#228;tzlich beruft sich das <span class="caps">OLPC</span>-Projekt best&#228;ndig auf den Konstruktivistischen Lernansatz, dem heutzutage eigentlich &#8211; zumindest rhetorisch &#8211; auch fast alle anderen Bildungsinitiativen und -einrichtungen folgen. Die grundlegende Vorstellung des Konstruktivismus &#8211; als Bildungstheorie, nicht als philosophische, mathematische, k&#252;nstlerische oder sozialwissenschaftliche Richtung &#8211; lautet, dass es zuallererst die Lernenden selber sind, die das Wissen konstruieren, welches sie lernen oder nicht lernen. Es g&#228;be keine direkte Vermittlung von Wissenden (z.B. Lehrer / Lehrerin) zu Lerndenden (z.B. Sch&#252;lerinnen / Sch&#252;ler), sondern &#8222;nur&#8220; die M&#246;glichkeit, Lernprozesse zu erm&#246;glichen und zu unterst&#252;tzen. Dies impliziert eine Abkehr von der Vorstellung der Wissensvermittlung hin zur Vorstellung einer Unterst&#252;tzung und Steuerung von Lernprozessen. Die Hauptarbeit beim Lernen haben die Lernenden selber zu tragen; die Lehrenden h&#228;tten nicht die Aufgabe, Informationen vorzustellen und zu wiederholen, sondern die Bildungsarbeit der Lernenden zu erm&#246;glichen. Soweit die Theorie.<br />
Dem Konstruktivismus inh&#228;rent ist die Vorstellung, dass es immer sehr unterschiedliche M&#246;glichkeiten g&#228;be, ein Lernergebnis zu erreichen und deshalb auch eine m&#246;glichst breite Palette von Lernm&#246;glichkeiten unterst&#252;tzt werden m&#252;sse. Dabei wird angenommen, dass ein Lernprozess, der im Alltag verortet und m&#246;glichst mit dem eigenen Ausprobieren verbunden ist, zumeist erfolgreicher ist, als ein zu sehr gelenkter. An diesen Grunds&#228;tzen orientieren sich die Bildungsprojekte des <span class="caps">MIT</span> und damit auch das <span class="caps">OLPC</span>-Projekt. Hinzu kommt, dass der Konstruktivismus den Wert einer Zusammenarbeit von Lernenden an einem Thema betont, weil so der Prozess der Konstruktion von Wissen vorangetrieben wird. Gerade dieser Aspekt wurde beim XO und bei Sugar best&#228;ndig hervorgehoben.<br />
Zahn diskutiert die Grundideen des Konstruktivismus &#8211; beziehungsweise konstatiert sie eine Weiterentwicklung zu einem Konstruktionismus, wobei sie den Unterschied zwischen beiden nicht wirklich darlegt [4] &#8211; , stellt mit Jean Piaget und Saymour Papert &#8211; wieder einmal &#8211;  Gr&#252;ndungsfiguren dieser Richtung vor. Und ebenso wieder holt sie die grunds&#228;tzliche Kritik, dass der Konstruktivismus eher ein Lernansatz und weniger eine eigenst&#228;ndige Theorie sei, ohne daraus aber irgendwelche Konsequenzen zu ziehen. Anschlie&#223;end stellt sie eine Reihe von Forschungen zum Einsatz von Computern in der Schule dar, die mit diesem Ansatz arbeiteten. Ein Gro&#223;teil dieser Studien, aber nicht alle, stammen aus dem <span class="caps">MIT</span> und kommen eigentlich allesamt zu dem Ergebnis, dass der Einsatz von Computern bei geeigneten Lehrkr&#228;ften und einem passenden Bildungskonzept f&#252;r die Lehre in der Schule Vorteile bringt. Zahn scheint davon nicht ganz &#252;berzeugt, weil sie richtig sieht, dass die Aussagekraft aller dieser Studien beschr&#228;nkt ist. Nichtsdestotrotz schlie&#223;t sie mit der &#220;berzeugung, dass ein Lernen mit Rechnern und konstruktivistischen Lehrans&#228;tzen ein hohes Potential hat, welches allerdings nur durch ein Verbindung von Technik und Kompetenz bei den Lehrkr&#228;ften nutzbar w&#252;rde.<br />
Ebenso ged&#228;mpft positiv &#228;u&#223;ern sich Richard Heine von Schulen ans Netz e.V. und Joachim Wedekind, der f&#252;r die hier besprochene Ausgabe der <span class="caps">LOG IN</span> verantwortlich war, in einem Gespr&#228;ch &#252;ber die M&#246;glichkeiten des Ansatzes des <span class="caps">OLPC</span>-Projekt in Deutschland. [<em>Heinen, Richard ; Wedekind, Joachim (2009) / P&#228;dagogische Konzepte versus Hardware. &#8211; In: <span class="caps">LOG IN 156 </span>(2009) 29, S. 36-39</em>]<br />
Heinen betont &#8211; im Gegensatz zu Einigem, was sein Verein fr&#252;her einmal erz&#228;hlte &#8211;, dass Computer erst dann wirklich zur Ver&#228;nderung des Schulalltags beitragen w&#252;rden, wenn sie als normales Lern-, Arbeits- und Spielemittel im allt&#228;glichen Gebrauch w&#228;ren. Solange sie haupts&#228;chlich als Teil eines besonderen Lernraumes angesehen werden, w&#252;rden sie auch kaum einen Auswirkung auf die Medienkompetenz der Lernenden haben &#8211; wieder etwas, was sein Verein Ende der 1990er noch g&#228;nzlich anders gesehen hat. Er m&#246;chte Laptops als Erg&#228;nzung zum &#8222;Werkzeug&#8220; der Lernenden machen und nicht zum Lernmaschine f&#252;r bestimmte F&#228;lle, also &#8211; dieser Vergleich ist direkt aus dem Text &#8211; eher zum Stift und Hefter hinzuf&#252;gen als zum Bestand der Klassens&#228;tze einer Schule.<br />
Als herausragenden Ansatz beschreibt Heinen die Entwicklung einer eigens auf die Aufgaben des XO als Bildungswerkzeug ausgerichtete Softwareplattform, die gro&#223;e Freiheiten zul&#228;sst, aber eben nicht ein &#8222;vollst&#228;ndiges&#8220; Realweltsystem darstellt. Hervor hebt er gerade die auch hier schon beschriebenen Besonderheiten von Sugar, wie die Orientierung an den F&#228;higkeiten der Lernenden und die Betonung von Zusammenarbeit.<br />
Widersprochen wird sich in diesem Gespr&#228;ch nicht. Wedekind postuliert am Ende unter Zustimmung von Heinen einige Punkte, die er als notwendig f&#252;r ein erfolgreiches <span class="caps">OLPC</span>-m&#228;&#223;iges Projekt ansieht [ebenda, S. 39]:<br />
<ul></p>
	<p><li>Ein Rechner f&#252;r jedes Kind</li><br />
<li>Lernplanbezogene Werkzeuge und Materialien</li><br />
<li>Inhaltliche Begleitung aller Beteiligten</li><br />
<li>Finanzielle Entlastung der Eltern durch die Schultr&#228;ger</li><br />
<li>Intensive Lehrerfortbildung</li><br />
<li>Eine Vorlaufphase f&#252;r die Entwicklung lehrplanbezogener Materialien</li><br />
<li>Ein mindestens vierj&#228;hriges, wissenschaftliche evaluiertes Projekt im Grundschulbereich</li><br />
</ul></p>

	<p><strong>Bibliotheken?</strong><br />
Hei&#223;t das etwas f&#252;r Bibliotheken? Bestimmt &#8211; zumindest in den L&#228;ndern, in denen gro&#223;e <span class="caps">OLPC</span>-Projekte durchgef&#252;hrt werden. Aber f&#252;r Bibliotheken in Deutschland? Vielleicht.<br />
Nicht zu untersch&#228;tzen ist wohl der sowohl rhetorische als auch der ernst gemeinte Bezug auf konstruktivistische Lerntheorien. Diese sind nicht wirklich neu, aber es scheint doch aktuell im Bildungsbereich eine absurde Doppelbewegung zu geben. Auf der einen Seite &#8211; um es als sehr vereinfachtes Bild zu zeichnen &#8211; die Bildungspolitik und Bildungs&#246;konomie, welche Bildung immer mehr als standardisierbare und abrechenbare Aktivit&#228;t ansieht und Begrifflichkeiten wie Standard, Qualit&#228;tssicherung, Best Practice und Monitoring popularisiert. Auf der anderen Seite die Erziehungswissenschaft und andere an Bildung interessierte Wissenschaftsbereiche, die sich fast durchg&#228;ngig an konstruktivistischen Theorien orientieren &#8211; wenn dies auch nicht immer so offen gesagt wird &#8211; und nicht die Qualit&#228;t und Standards, sondern die individuellen Lernenden und die Organisation von Lernumgebungen und Lernaktivit&#228;ten in den Blick nehmen. Beide Seiten versuchen oft sich gegenseitig nicht so recht wahrzunehmen, aber das ergibt letztlich nur eine absurde Situation, in deren Mitte sich Lernende und Lehrende (oder Lernumgebungsorganisierende) befinden. Das <span class="caps">OLPC</span>-Projekt ist da ein sehr explizites Projekt, das sich auf eine Seite bezieht und die andere mit einigen, wenig aussagekr&#228;ftigen Schlagworten abspeist.<br />
Sobald sich Bibliotheken als Teil eines formellen Bildungssystems oder gar als Bildungsort begreifen, werden sie sich mit in dieses Feld begeben. Das ist deshalb interessant, weil die offiziellen Bibliotheksorganisationen sich offenbar zur Zeit haupts&#228;chlich auf die bildungspolitische Richtung beziehen, w&#228;hrend sie eigentlich bessere Voraussetzungen f&#252;r eine konstruktivistisch orientierte Bildungsarbeit haben, als f&#252;r eine standardisierbare Bildungsarbeit, auf die sich aber indirekt in bibliothekarischen Texten und Projekten immer wieder bezogen wird.<br />
Daneben wird sich, falls sich die Forderung durchsetzt, dass Computer in Schulen als all&#228;gliche Lernmittel und Werkzeuge verwendet werden sollen, sich dies auch auf Bibliotheken durchschlagen. Dann geht es n&#228;mlich nicht mehr darum, f&#252;r eine Gesellschaft, in der einige Menschen viel mit ihrem Rechner machen, andere aber nicht, zu arbeiten; sondern dann werden immer mehr computerliterate Jugendliche &#8211; normale Jugendliche, nicht nur einige wenige, eigentlich immer nette &#8222;Nerds&#8220; &#8211; als Nutzende in den Bibliotheken stehen oder aber nicht in Bibliotheken gehen. Was macht man dann? Selbstverst&#228;ndlich sind heute eine immer gr&#246;&#223;ere Zahl von &#214;ffentlichen Bibliotheken mit HotSpots und Computerarbeitspl&#228;tzen ausgestattet, aber wird das reichen? Eher nicht. Und wenn Lehrerinnen und Lehrer nachgebildet werden m&#252;ssen, um kompetent zu blieben beim Lernwerkzeug Computer, werden auch Bibliothekarinnen und Bibliothekare sich das notwendige Wissen, um solcher Lernende verstehen und bei Lernprozessen unterst&#252;tzen zu k&#246;nnen, nicht (immer) nur selber beibringen k&#246;nnen. Aber wie sollte das dann geschehen und um welches Wissen geht es eigentlich genau?<br />
Und nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob solche Rechner wie der XO auch in die Bibliothek geh&#246;ren, wenn ja, in welche Bibliothek und wof&#252;r? Diese Frage hat sich auch schon bei vielen anderen Techniken gestellt und nicht immer waren die von Bibliotheken getroffenen Entscheidungen im Nachhinein als die bestm&#246;glichen zu beschreiben. Aber stellen wird sich die Frage sp&#228;testens wieder, wenn der <span class="caps">XO </span>&#8211; oder &#228;hnliche Rechner oder auch &#8222;nur&#8220; die Sugar-Oberfl&#228;che &#8211; in deutschen Schulen zur Standardausstattung wird. Denn dann wird es nicht mehr um Trends im Web handeln, die vielleicht schon wieder vorbei sind, wenn sie im bibliothekarischen Diskurs auftauchen.</p>

	<p><strong>Gutmenschendings?</strong><br />
Der Nachgeschmack zu der aktuellen Nummer der <span class="caps">LOG IN</span> ist eher bitter. Das ganze Projekt mag ja vorzeigbare Ergebnisse haben, aber irgendwie schleicht sich das Gef&#252;hl ein, als w&#228;re letztlich im Gro&#223;en und Ganzen alles richtig und zu unterst&#252;tzen, was das <span class="caps">OLPC</span>-Projekt betrifft. Kritik wird nur sehr sanft ge&#228;u&#223;ert und zielt niemals darauf, mehr als nur Kleinigkeiten zu ver&#228;ndern. Ist das wirklich so? Ist der XO so was wie der Umweltschutz: eigentlich sind alle daf&#252;r, insbesondere Menschen, die wollen, dass die Welt irgendwie besser wird, ohne selber daf&#252;r zu viel tun zu m&#252;ssen? Irgendwie sind alle der Meinung, dass das alles richtig und wichtig ist, aber jede und jeder wei&#223;, dass es so einfach auch nicht sein kann. Bisher scheinen der XO und Sugar aber tats&#228;chlich haupts&#228;chlich positive Ergebnisse hervorzubringen. Wo ist der Hacken?</p>

	<p><blockquote><br />
Fu&#223;noten<br />
[1] Auf Mac-OS kann Sugar offenbar indirekt laufen, andere Betriebssysteme sind offenbar angedacht, auch wenn der Status dieser Umsetzungen nicht ganz klar ist.<br />
[2] Wie schon schon einmal anderswo ausf&#252;hrte, hat die Entwicklung dieses 100-Dollar-Laptops einen gro&#223;en Anteil an den Netbooks, die ja den Computermarkt ziemlich aufgemischt haben.<br />
[3] It&#8217;s all about having a choice, isn&#8217;t it?<br />
[4] Selbstverst&#228;ndlich k&#246;nnte man Unterschiede zwischen Konstruktivismus und Konstruktionismus aus anderen Quellen anf&#252;hren, allerdings scheint diese Unterscheidung von den Vertreterinnen und Vertretern des XO und des Sugar-Projekts so gut wie nie gemacht zu werden. Deshalb soll das hier auch nicht weiter ausgef&#252;hrt werden.<br />
</blockquote></p>
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