Bibliotheken als Bildungseinrichtungen

26.04.2009

Schulbibliotheken in Berlin, 2009

Ich hatte schon im letzten Jahr eine Recherche zu den Schulbibliotheken in Berlin durchgeführt, die an eine Recherche anschloss, die ich 2006 in meiner Magisterarbeit verwendet hatte. Diese Recherche habe ich nun in diesem Monat wiederholt. Dabei habe ich die Homepages aller Berliner Schulen nach Hinweisen zu Schulbibliotheken durchsucht.
Wozu das ganze? Es gibt einfach keine anderen Daten zu Schulbibliotheken. Deshalb schweben alle Angaben und Texte zu Schulbibliotheken erstaunlich unempirisch in der Luft, es sei den, sie basieren auf individuellen Erfahrungen (wie z.B. bei Günter Schlamp). Solche Erfahrungen sind selbstverständlich wichtig und interessant, aber sie erlauben beispielsweise nicht, Aussagen darüber zu treffen, wieviele Schulbibliotheken es eigentlich gibt. Angesichts dessen, dass der Bildungspolitik alle paar Jahrzehnte mal einfällt, dass Schulbibliotheken irgendwie sinnvoll sein könnten, ist das schon erstaunlich. Berlin bietet sich als Recherchegegenstand an, weil es gerade nicht als Hochburg der Schulbibliotheken bekannt ist.
Eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse:

  • Schulbibliotheken sind weiterhin schulinterne Einrichtungen, die sich nach den Anforderungen der jeweiligen Schule richten, nicht danach, was in den (seltenen) bibliothekarischen oder pädagogischen Texten über sie gesagt wird.

  • Sie sind deshalb vollständig eigenständig. Es scheint keine Gemeinsamkeit in Ausstattung, Nutzungskonzept, tatsächlicher Nutzung, Öffnungszeiten, Personal, Bestand und Bestandsentwicklung, Einbindung in den Schul- und Unterrichtsalltag, Etat oder anderes zu geben.

  • Öffentlichen und Schulbibliotheken arbeiten in Berlin offenbar so gut wie gar nicht zusammen.

  • Eine relativ große Anzahl von Schulen betreibt Schulbibliotheken (oder ermöglicht es, dass andere, z.B. Schulfördervereine sie betreiben), allerdings entscheidet sich die große Zahl von Schulen dagegen. Einige wenige Schulen geben dafür Geld- und Raumnot an, der Großteil beschäftigt sich zumindest in Öffentlichen Dokumenten nicht mit dieser Frage.

  • Die gerundeten Zahlen: Nach Eigenangabe haben in Berlin 25,3% der Grundschulen (110 von 434), 11,3% der Hauptschulen (6 von 53), 6,8% der Realschulen (5 von 73), 28,7% der Gymnasien (31 von 108), 30,2% der Gesamtschulen (16 von 53), 11,0% der Schulen mit besonderem Förderschwerpunkt (8 von 73) und 11,1% (naja, 1 von 9) Freien Schulen, also insgesamt 22,0% (177 von 803) Schulen bis zur Sekundarstufe II eine Einrichtung, die sie als Schulbibliothek, -bücherei, -mediothek oder ähnlich beschreiben.

  • Im Vergleich zu den Daten von 2008 ist das eine leichte Steigerung bei allen Schultypen, wobei es immer noch so ist, dass die Schülerinnen und Schüler, die einen “hohen” Bildungsabschluss anstreben, eine weit größere Chance haben, eine Schulbibliothek zu nutzen, als diejenigen, welche einen “geringeren” Bildungsabschluss anstreben. Oder anders: Gymnasiasten und Gymnasiastinnen haben mehr Schulbibliothek, als Lernende auf Real- und Hauptschulen, obwohl Schulbibliotheken zumeist diskursiv mit dem Lesenlernen verbunden werden und nicht mit dem Abitur. Allerdings reichen zwei Datensammlungen nicht aus, eine Entwicklungstendenz zu konstatieren.

Ich habe einen kleinen Text, “Schulen und Schulbibliotheken in Berlin, 2009” geschrieben, welcher die Daten genauer bespricht. Dieser findet sich hier: http://www.divshare.com/download/7214782-286
Außerdem habe ich für diejenigen, welche mit den Daten arbeiten wollen, diese Daten inklusive der Zotero-Schnappschüssen in ein Archiv gepackt, welches hier zu finden ist: http://www.divshare.com/download/7214551-9de [Achtung: durch die Zotero-Dateien ist es ziemlich groß, genauer gesagt 67 MB.]
Die Daten zur Recherche 2008, nach denen ich auch immer wieder mal gefragt wurde, finden sich hier: http://www.divshare.com/download/7214893-71f




2 Kommentare »

  1. Weder war die Arbeitsstelle für Schulbibliotheken im ehemaligen DBI während der Zeit ihrer Existenz in der Lage, eine bundesdeutsche Statistik anzulegen, noch ist die Hessische Landesbibliothek, der das Kultusministerium zwei halbe Lehrerstellen im Rahmen eines Kooperationsvertrages „Bibliothek und Schule“ spendiert, dazu für Hessen in der Lage.

    Meine „individuellen Erfahrungen“ basieren auf folgenden Datenlieferanten:
    1. Kenntnis der Schulbibliotheksversorgung mehrerer Landkreise.
    2. Statistik der LITTERA-Anwender. Dazu kommen noch ein paar Schulen in einem Landkreis, denen die Kreisverwaltung den Wechsel zu BOND mit Geld und Stellen schmackhaft macht. Außerdem gibt es Schulen, die noch nie von einer LITTERA-Landeslizenz gehört haben und handgestrickte Programme oder andere Fabrikate verwenden.
    3. IGLU-Daten. 71% der hessischen Grundschüler/innen nutzen eine Schulbibliothek.
    4. Mitgliedsschulstatistik der LAG Schulbibliotheken in Hessen

    Auf dieser, sicher nicht sehr exakten Basis, gehe ich davon aus, dass etwa 40% (900) der hessischen Schulen eine Bibliothek haben.

    In Brandenburg fragt der Bildungsminister die Schulen ab. 406 der ca. 800 Schulen haben in der Schulstatistik ein Häkchen bei „Schulbibliothek“ gemacht. Davon, dass so ein Häkchen schnell gesetzt ist, kann man sich durch Anrufe in Schulen überzeugen.

    Der kundige Leser und die kundige Leserin werden jetzt einwenden, dass hier Elefanten und Mücken addiert werden. Wo blieben die IFLA-, IASL- usw. Standards?
    (Glücklicherweise werden nicht mehr die Kriterien des frühen DBI angewandt, wo eine Schulbibliothek die höheren Weihen ab einem Bestand von 10.000 Einheiten bekam.)

    Nach meinen Erfahrungen hängen Qualität und Erfolg nicht so sehr von in Deutschland unerreichbaren Standards ab. Bei der Ausschreibung des Wettbewerbs hessische „Schulbibliothek des Jahres“ hatten sich 50 Schulbibliotheken beworben, die allesamt keine IFLA- usw. Standards erfüllen, die aber fast alle in beeindruckendem Umfang zur Erfüllung der Ziele des Qualitätsrahmens Schule beitragen.

    Die LAG Schulbibliotheken in Hessen fordert seit langem die Einbeziehung eines schulbibliothekarischen Supports in die regionalen Medienzentren, wie das in Dänemark der Fall ist. Das könnte zu einer Standardisierung beitragen.

    Widersprechen muss ich Karsten Schuldt – was ich ungern tue – hier: „…dass der Bildungspolitik alle paar Jahrzehnte mal einfällt, dass Schulbibliotheken irgendwie sinnvoll sein könnten, …“ Die Bildungspolitik hat sich zuletzt 1928 in Preußen um Schulbibliotheken gekümmert (Schulbibliothekserlass). Großzügigerweise könnte Hessen in der Zeit der Rahmenrichtlinien 1968 -1972 noch erwähnt werden, wo man Unterricht in Sozialkunde ohne Schulbibliothek für unmöglich hielt. (So fast wörtlich die beiden reformorientierten Ministerialbeamten Bernd Frommelt und Georg Rutz in einer Handreichung.
    Herr Rutz winkte verlegen lächelnd ab, als ich ihn Jahre später darauf ansprach.)

    Es sind allein die Bibliotheksverbände, die sich immer dann an das Thema erinnern, wenn in der Bildungspolitik Defizite auftauchten (Picht, PISA).

    Comment by Günter Schlamp — 29.04.2009 @ 16:56

  2. Ich muss als digital immigrant meinen URL koorigieren (s.o.).

    Außerdem fällt mir noch ein Schlusssatz ein: Nach mehreren im Ergebnis sehr fragwürdigen Zählversuchen mit Hilfe der Schulämter haben wir das Zählen aufgegeben. Eine amtliche Schulbibliotheksstatistik in Hessen würde nicht schaden, ihr Nutzen wäre auch nicht viel größer.

    Comment by Günter Schlamp — 29.04.2009 @ 17:08

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