Nutzerinnen und Nutzer in Bibliotheksdefinitionen
Ida M. Flynn berichtete 1998 in einem Workshop von den us-amerikanischen Bibliotheken und die damals aktuellen Trends. Dabei definierte sie Bibliotheken nicht als Institutionen, sondern weiter:
“We may consider a library as a composite of: its clients, its staff, its collection and its services.”
[Flynn, Ida M. (1998) / The Modern Library and its Future – The United States Landscape. – In: Deutsches Bibliotheksinstitut (Hrsg.): For the Library of the Future – Improving the Quality of Continuing Education and Teaching. Berlin : Deutsches Bibliotheksinstitut, 1998, S.9-13. – [dbi-Materialien ; 180]
Auf den ersten Blick mag das keine große Aussage darstellen. Ich denke aber, dass hier doch ein Verständnis von Bibliotheken präsentiert – fast schon einfach vorausgesetzt – wird, das vielen Vorstellungen von Öffentlichen Bibliotheken widerspricht. Eine Bibliothek als Schnittpunkt von Nutzerinnen und Nutzern, Angestellten, Bestand und Service legt den Fokus aus der Bibliothek heraus auf die Menschen, die die Bibliotheken nutzen. Das ändert die Vorstellung davon, worum sich Bibliotheken vorrangig kümmern müssen. Wie weitreichend diese Verschiebung ist, ist mir noch nicht klar. Ich denke aber, dass sie relevant ist.
Wenn ich den Hauptaugenmerk auf die Nutzerinnen und Nutzern lege, nehme ich sie – so meine These – als handelnde und anspruchstellende Individuen wahr. Wenn ich dies nicht tue, kann es gut sein, dass sie mehr als die Menschen wahrgenommen werden, die vorrangig den Bestand nutzen. Dann ist meine Aufgabe vor allem der Bestandsaufbau. Nach Flynns Definition hat eine Bibliotheken hingegen offenbar eine soziale Aufgabe.
Dagegen scheint eine Definition, beispielsweise nach Hacker [Hacker, Rupert: Bibliothekarisches Grundwissen. – 7., neubarb. Aufl. – München : Saur, 2000] als:
- Büchersammlung
- Literatursammlung
- Mediensammlung
- spezielle Informationseinrichtung
, eher die Institution Bibliothek in den Vordergrund. Die Nutzerinnen und Nutzer beginnen hier quasi erst wirklich zu interessieren, wenn sie die Tür der Bibliothek betreten.
Auch die Definition in Prof. Umstätters Semiotischen Thesaurus stellt die Nutzerinnen und Nutzer nicht so in den Vordergrung, wie es Flynn tut:
“Bibliothek: Eine Einrichtung, die unter archivarischen, ökonomischen und synoptischen Gesichtspunkten publizierte Information für ihre Benutzer sammelt, ordnet und verfügbar macht.”
[Umstätter, Walter / Semiotischer Thesaurus. – http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/infopub/
semiothes/lexicon/default/d30.html, Stand 01.04.2007]
Die Nutzerinnen und Nutzer sind zwar da, aber was genau sie wollen und wer sie sind, steht nicht zur Debatte. Eine Frage ist jetzt, wie das in anderen Bibliotheksdefinitionen aussieht und welchen Einfluss solche Definitionen auf die Bibliothekspraxis haben. Ganz unwichtig scheint mir das nicht zu sein.





